Es ist Anfang Mai 1945. Sidney Bernstein, britischer Filmproduzent und Berater des Informationsministeriums in London, fragt seinen guten Freund Alfred Hitchcock, ob er aus Hollywood an die Themse kommen und ihm bei der Fertigstellung eines schwierigen dokumentarischen Films helfen könne. Hitchcock sagt zu und trifft Ende Juni, gut einen Monat nach Ende des Zweiten Weltkriegs, an Bord der Queen Mary in Southampton ein.

Was ihn in dem Londoner Studio erwartet, darauf ist der Regisseur nicht vorbereitet. Es sind Filmaufnahmen, die die alliierten Truppen in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen, Auschwitz-Birkenau und Dachau gemacht haben.

Diese Bilder und die Rolle, die Hitchcock bei ihrer Verarbeitung spielte, stehen im Zentrum der Dokumentation Night will fall von André Singer. 70 Jahre nach ihrer Erstellung werden die Aufnahmen der Alliierten am 26. Januar 2015 weltweit erstmals gleichzeitig in mehreren Sendern zu sehen sein: Von den USA (HBO) und Großbritannien (Channel 4) über Polen und die Niederlande sowie Dänemark und Norwegen bis hin zu Israel und Deutschland (ARD).

Atrocity pictures wurden die Aufnahmen genannt, die im ersten Halbjahr 1945 von den Kamerateams der Alliierten gedreht wurden, Filme, die das Grauen visuell festhalten sollen. "Ich gab (den Kameramännern in den Konzentrationslagern) die Anweisung, alles zu filmen, was eines Tages beweisen würde, dass dies wirklich geschehen war", sagt Sidney Bernstein in Singers Dokumentation. Sechs Filmrollen entstanden im Frühjahr 1945, die zu einem Film zusammengefasst werden sollten mit dem Titel: German Concentration Camps Factual Survey – Tatsachenbericht über die deutschen Konzentrationslager.

Hitchcock wurde es schlecht bei der Sichtung der Bilder

"Ich habe Amerika verlassen, um in England meinen Beitrag zum Krieg zu leisten", hört man Hitchcock in Night will fall erzählen. "Ich hatte das Gefühl, ich müsste meinem Land irgendwie helfen." Der Regisseur, der auch gelernter Cutter war, konzipierte den Schnitt und die graphische Gestaltung von German Concentration Camps Factual Survey. Anhand von Landkarten machte er deutlich, wie viele Vernichtungslager es in Deutschland und anderen, von den Nationalsozialisten besetzten Ländern gegeben hatte. Und wie nah die KZs an den "normalen" Orten zivilen Lebens lagen. Während der Sichtung des Materials sei es Hitchcock immer wieder schlecht geworden, heißt es.

Viele der Bilder sind auch in Night will fall zu sehen. Nahaufnahmen der entstellten Gesichter der Toten, gespaltene Köpfe, Leichenberge. Auch heute sind sie kaum auszuhalten. Und man kann durchaus die Frage stellen, ob eine reguläre Fernsehausstrahlung, wenn auch um 23.30 Uhr, für diesen Film die richtige Form ist. Oder ob historisch-pädagogisch begleitete Kino-Sondervorführungen von Night will fall vielleicht sinnvoller gewesen wären.