"Unliterarisch", "Hausfrauenporno". Zu Fifty Shades of Grey äußert fast jeder eine Meinung – nicht selten die, dass man sich die sadomasochistische Beziehungsgeschichte zwischen der Studentin Ana und dem Milliardär Christian Grey sparen könne. Dem widerspricht die Kaufkraft von Millionen Fans.

Ihre Stimme war zuletzt so laut, dass selbst notorische Kritiker eine gewisse Bewunderung entwickelten: Eine "Verkaufssensation" (Guardian) waren die Shades of Grey und natürlich "diskussionswürdig" (Telegraph). Für andere war das Buch zumindest ein "Phänomen" (FAZ). Inzwischen wurden weltweit von der Trilogie der Autorin E.L. James mehr als 100 Millionen Exemplare verkauft, übersetzt in 52 Sprachen. Die Verfilmung des ersten Teils feiert auf der Berlinale ihre internationale Premiere und kommt an diesem Donnerstag in die Kinos. Sie wird entsprechend als eine der heißesten Premieren des Jahres gehandelt.

Was alle interessiert, Wohlgesonnene wie Skeptiker: Schafft der Film, was das Buch schaffte?

Die britische Regisseurin Sam Taylor-Johnson hat erst gar nicht versucht, der sensationsbesetzten Vorlage gerecht zu werden. Ihr Film kommt leichtfüßig daher, den Ballast des literarischen Erfolgs spürt man kaum. Diese Unabhängigkeit mag überraschen, immerhin richtet sich der Film in erster Linie an die Fans des Romans. Für sie gab es schon Wochen vorher kleine Einblicke, etwa in Greys Apartment. Was den Film eigenständig macht, ist seine Konzentration auf die Kraft der Bilder. Er trennt sich von der Ich-Erzählerin und schafft eine eigene, starke Bildwelt – gerade mit Blick auf den viel diskutierten Sex.

Dabei folgt die Handlung durchaus der Vorlage. Weil 500 Seiten in zwei Stunden Kinofilm passen müssen, läuft vieles im Zeitraffer ab: Die 21-jährige Anastasia Steele (Dakota Johnson) lernt den kaum älteren Grey (Jamie Dornan) bei einem Interview für die Uni-Zeitung kennen. Schnitt, 30 Seiten vorgeblättert: Er rät ihr, sich von ihm fernzuhalten. Kurz darauf – im Roman ist man immerhin schon auf Seite 107 – sprechen sie über die Regeln einer SM-Beziehung. Selbst durch entscheidende Szenen hetzt der Film: Für den ersten Sex nimmt sich E.L. James zehn Seiten Zeit. Auf der Leinwand dauert er keine zwei Minuten. 

Wer das Buch gelesen hat, braucht eine Weile, um sich zu lösen. Auch der Film findet nicht gleich von Beginn an seine eigene Sprache. Aber schließlich findet er sie. Gerade in den Szenen, für die das Buch berüchtigt ist, läuft er nun zur Bestform auf: Wenn die beiden Protagonisten im Close-up den Vertrag verhandeln, der sie zu seiner Sklavin erklärt. Wenn Grey Ana die Augen verbindet und sie – unter seiner Peitsche – zum ersten Mal kommt. Jedes Bild ist hier doppelt belichtet, seine Lust blendet in die ihre über, seine Handlungen sind ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Nur ein Film vermag diese Gleichzeitigkeit zu vermitteln.

Es gibt keine Klarheit in dieser Beziehung

Nirgends ist der Film pornografisch, fast höflich hält er Distanz zu den Körpern von Ana und Grey. Aber in jedem Bild schwingen die Risiken romantischen Begehrens mit: bedingungsloses Vertrauen, gegenseitiges Einverständnis, aber auch die aufreibende Unsicherheit, den anderen verlieren zu können.

Die Spannung, die der Film erzeugt, rührt von diesen retardierenden Momenten her. Worauf lässt sich Anastasia ein? Wo fordert sie Grey heraus? Hier bricht der Film auch mit der These der Kultursoziologin Eva Illouz, die sie 2013 angesichts des Erfolgs von Fifty Shades of Grey aufgestellt hat. Die sadomadochistische Beziehung, sagt Illouz, gibt den instabil gewordenen modernen Geschlechterverhältnissen wieder Halt, wenn auch spielerisch und mit klaren Regeln. Der Film jedoch schöpft seine Spannung daraus, dass es eine solche Klarheit in keinem Moment gibt.

So viel der Film leistet: Natürlich gehen beim Transfer vom Roman zum Film auch einige Ebenen verloren. Leider ist das unter anderem der innere Kampf, den Ana führt, und der bisweilen feministische Züge trägt. Weil das Buch konsequent aus ihrer Perspektive erzählt ist, geht es eindeutig um Anas Lust, um ihren Blick auf Greys Körper. Nicht ungeschickt schildert James das Zwicken von Anas innersten Muskelpartien während des Orgasmus. Der Film kann nur die Draufsicht bieten und er muss die Lust beider zeigen. Den Ton der selbstbewussten Ana rettet er höchstens in Dialogen, etwa wenn sie sich weigert, den Vertrag zu unterschreiben: "Vielen Dank, ich würde meinen freien Willen gern noch ein Weilchen behalten."

Dennoch: Dem Film gelingt eine recht komplexe Interpretation der Geschichte von Ana und Grey. Er pathologisiert das sadomasochistische Begehren der beiden nicht, deutet aber die zerstörerische Seite der Gewalt in ihrer Beziehung an. Bis auf wenige Längen hält der Film seine Spannung bis zum Schluss und – weil dies eine Trilogie ist – darüber hinaus. Die letzte Szene fügt der Geschichte noch einmal eine interessante Dimension hinzu. "Zeig mir das Schlimmste, was du mir je zufügen würdest", verlangt da Ana von Grey. Dann endet der Film beinahe unerträglich offen.