ZEIT ONLINE: Ihr neuer FilmAls wir träumten, der im Wettbewerb der Berlinale läuft, erzählt von einer Handvoll Jungs, die in den Jahren um die Wiedervereinigung erwachsen werden. Vielen gilt die Romanvorlage von Clemens Meyer als das Werk zur Wende. Aber beschreibt der Film wirklich nur diesen speziellen historischen Moment?

Andreas Dresen: Ich glaube tatsächlich, dass es immer wieder Momente gibt, in denen Dinge kulminieren, wo sich quasi Lücken zwischen den Systemen auftun. Ich wollte deshalb auch, dass wieder Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch schreibt. Er ist Anfang 80 und entstammt der Nachkriegsgeneration. Er hat seine Kindheit und vor allem Pubertät im zerstörten Nachkriegs-Berlin erlebt.

ZEIT ONLINE: Und konnte sich deshalb in den Figuren des Films und des Romans wiederfinden?

Dresen: Als er den Roman gelesen hat, kam sofort ganz viel hoch. Auch wenn DDR und Nazideutschland – die Zerstörungen, auf die Wolfgang als Kind
getroffen ist und die Art des Neuanfangs in Ostdeutschland – sicherlich nicht vergleichbar sind. Gemeinsam ist diesen Erfahrungen das Aufwachsen in einer orientierungslosen Welt mit einer orientierungslosen Elterngeneration. Wolfgang und die Jungs aus dem Film wurden zu einer Zeit erwachsen, in der die alten Regeln nicht mehr und die neuen Regeln noch nicht galten. Solche Zeiten kommen in der Geschichte immer mal wieder vor.

"Die werden ihren Weg gehen"

ZEIT ONLINE: Sind Ihre Protagonisten Hoffnungsvolle? Oder Hoffnungslose?

Dresen: Beides. Es gibt hoffnungslose Momente, aber insgesamt kann man diesen Jungs trauen. Die werden ihren Weg gehen.

ZEIT ONLINE: Sofern sie noch einen vor sich haben. Einer stirbt immerhin an einer Überdosis.

Dresen: Ja, im Rausch kann man schnell Gefahren übersehen. Das Seil, auf dem sie tanzen, ist hoch gespannt und man kann leicht vergessen, dass der Abgrund darunter sehr tief ist. Aber am Ende stellt sich einer der Jungs, Rico, der Polizei. Er wird nicht festgenommen. Er stellt sich von alleine, weil er neu anfangen will. Und sein Freund Dani, die Hauptfigur, sagt zu ihm: "Das Beste kommt noch!" Das meint er nicht ironisch, sondern ernst.

ZEIT ONLINE: Andererseits heißt der Film auch Als wir träumten. Präteritum. Da ist etwas abgeschlossen und vorbei, was mal möglich schien. Träume haben sich nicht erfüllt.

Dresen: Brecht schrieb im Dickicht der Städte: "Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit." Jeder dieser Jungs wird rückblickend sicherlich sagen: "Das war die beste Zeit." Auch wenn es düster und wild war, haben sie doch ganz viel versucht. Das ist das Privileg der Jugend: auf anarchische Art
Grenzen auszuweiten, zu überschreiten, abzustürzen, Forderungen unverschämtester Art zu stellen, die Welt zu provozieren. Aber jeder von uns ist irgendwann mal erwachsen geworden und landet dann irgendwie in der bürgerlichen Mitte.

ZEIT ONLINE: Diese Jungs saufen, prügeln, nehmen Drogen, aber sie stellen die Zukunft der Gesellschaft dar? Brauchen wir diesen rebellischen Geist, dieses Chaos, diese Anarchie sogar?

Dresen: Natürlich! Die Gesellschaft braucht dringend Anarchie und Provokation. Wenn sie nicht permanent befragt und in Frage gestellt wird, entwickelt sie sich nicht. Und wer soll diese Fragen stellen, wenn nicht die junge Generation? Wir alten Säcke können das nicht mehr. Facebook aus – Sternschnuppen an! Rein in die Welt. Ich wünschte mir manchmal mehr Provokation.

ZEIT ONLINE: Sie zeigen viel Aggressivität, junge Männer, die dabei sind, zugrunde zu gehen. Und dennoch schaffen Sie es, dass der Film eine gewisse
Sanftheit ausstrahlt. Wie machen Sie das?

Dresen: Zum einen handelt der Film davon, Grenzen zu überschreiten, also mussten wir auch beim Filmemachen ein paar Grenzen überschreiten. Es ging beim Dreh durchaus wild und radikal zu.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Dresen: Als die Jungs scheinbar besoffen im Auto durch die Leipziger Innenstadt gebrettert sind, haben sie den Passanten nicht nur freundliche Dinge zugerufen. Da gab es dann Anzeigen gegen uns. Und ich habe auch gestaunt, wie kompliziert es ist, ein Auto komplett zu demolieren. Die mussten eine ganze Weile ackern, bis es sich halbwegs in seine Bestandteile zerlegte. Clemens hatte in seinem Roman geschrieben: "Wir hatten Eisen gefressen". Es gab Verletzungen.