Die Optionen der 16-jährigen Marieme (Karidja Touré) sind überschaubar. Zu Hause muss sie sich um ihre jüngeren Schwestern kümmern, weil die Mutter Überstunden als unterbezahlte Putzkraft schiebt und der große Bruder seine erzieherischen Maßnahmen auf Kontrolle und Einschüchterung beschränkt. Die Abwesenheit des Vaters wird in Céline Sciammas drittem Film Bande de filles erst gar nicht thematisiert. In der Schule ist Marieme abgehängt. Ihre Versetzung ist aufgrund der schlechten Noten nicht möglich, also schlägt die Lehrerin eine Ausbildung vor. Doch zu Hause auszuziehen kommt ebenfalls nicht infrage, dafür ruht das wackelige Familiengefüge zu sehr auf den Schultern des Mädchens. Außerdem hat Marieme ein grundsätzliches Problem mit den Lösungen, die ihr als vermeintlicher Ausweg nahegelegt werden. "Ich will nicht so sein, wie alle anderen. Normal."

Eine solche soziale Konstellation muss bei Sciamma nicht zwangsläufig als Sozialdrama erzählt werden. Ihre Marieme verfügt über ein ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen, was die Regisseurin schon in der spektakulären Eröffnungssequenz ihres Films andeutet: Sie zeigt ein Football-Spiel in stilisierter Zeitlupe, was die bullige Körperlichkeit des Sports noch betont – und wodurch der Überraschungseffekt erst perfekt wird. Denn unter den Körperpanzern kommt in der anschließenden Jubel-Choreografie eine Gruppe (überwiegend schwarzer) Mädchen zum Vorschein. Die nächste Szene weist formal in die andere Richtung: auf die dynamische Montage folgt eine lange, fließende Plansequenz, in der die Kamera die Spielerinnen auf dem Heimweg durch ihre Nachbarschaft begleitet, bis sich eine nach der anderen verabschiedet hat und Marieme alleine vor ihrem Hochhaus steht.

Es geht in Bande de filles also immer wieder um Bewegungen – räumliche, vor allem aber auch soziale. Und wie Sciamma die eine Bewegung in der anderen auffängt, nicht nur erzählerisch, sondern gerade in Bildern, verdient Bewunderung. Die Regisseurin feiert ihre Protagonistinnen und deren Freiheitsdrang, den eine ungestüme Suchbewegung strukturiert. Aber eben nicht: raus aus der Banlieue. Vielmehr suchen die jungen Mädchen einen Ausweg aus den Zuschreibungen und Erwartungshaltungen, mit denen sie in diesen prekären Verhältnissen zwangsläufig konfrontiert werden, einen anderen Weg als den einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung des Scheiterns.

Mariemes Abneigung gegenüber einer Normalität (also: der Normalität eines Sozialdramas nach den Vorstellungen des europäischen Autorenkinos) ist im Umkehrschluss als ein Beharren auf Individualität zu verstehen. Die sichere Karte "Normalität" – jung heiraten, Kinder kriegen, Hausfrau spielen – wäre angesichts der Alternativen, die Marieme im Laufe des Films kennenlernt und durchspielt – Mädchengang, Drogenkurier, Prostitution – vielleicht sogar die beste Option. Aber Sciamma löst den Sozialrealismus, der ihre Geschichte grundiert, lieber in einer Coming-of-Age-Erzählung auf.

Mariemes Strategie besteht in der stolzen Aneignung unterschiedlicher Rollenmodelle, die in etwa den Klischees entsprechen, die man im politischen Kino erwarten würde. Indem jede Option nach kurzer Testphase wieder verworfen wird, führt Sciamma die Klischees als solche vor. Sie inszeniert dabei ebenso stilsicher wie leicht artifiziell: eine kraftvoll schimmernde Farbpalette, die das gesamte maritime Spektrum von Azur bis Türkis abdeckt, porträtartige Close-ups, eine romanhafte Kapitelstruktur, markante Plansequenzen, was nicht nur eine Gegenstrategie zur dokumentarischen Bilderpolitik des Sozialrealismus darstellt, sondern auch von Sciammas erzählerischer Konsequenz zeugt.

Lady, Adiatou und Fily – die titelgebene Mädchenbande, die Marieme aufnimmt und ihr die Feier der eigenen Jugendlichkeit, im Ausdruck von Körper, Sprache und Selbstbewusstsein, beibringt – haben ihre Vorbilder ebenfalls in überhöhten Rollenmodellen gefunden und bescheren Bande de filles einen so naiven wie wahrhaften Coming-of-Moment. Vier Minuten lang tanzen die Freundinnen zu Rihannas Diamonds, was in Marieme eine nachhaltige Erschütterung auslöst. Dieses Erwachen beginnt sich wie ein inneres Strahlen auf ihren mädchenhaften Gesichtszügen abzuzeichnen. Die verführerischen Projektionen statusverliebter amerikanischer Popmusik schenken der staunenden Beobachterin in ihrem geklauten Abendkleid einen ungeahnten Freiheitsmoment, und die exaltierte Playback-Choreografie schlägt in eine ausgelassene Karaoke-Tanzparty um, die Marieme in einer umgekehrten Bewegung zur Trennungsszene am Anfang des Films wie magnetisiert in die Gruppe hineinzieht.

Das Knäuel erschöpfter Mädchenkörper anschließend im Hotelbett gewinnt dem Originaltitel eine weitere Konnotation ab. Es geht in Bande de filles nicht bloß um eine Mädchengang, die sich später noch nach den Regeln der Straße behaupten muss. Sondern es geht auch um das Band zwischen den Mädchen, ihre Solidarität – im Tanz, im Kampf und in der Erkenntnis, dass das euphorische Freiheitsgefühl eben doch nur eine Momentaufnahme bleibt.