Selten hat man die Möglichkeit, Ideen und Inspirationen von Fernsehschaffenden so direkt zu vergleichen wie auf dieser Berlinale. Gleich acht Serien laufen im offiziellen Programm: amerikanische, italienische, dänische und deutsche. Und es lassen sich ein paar erstaunliche Gemeinsamkeiten feststellen. Die Intros sind sehr James-Bond-haft, es fallen in Zeitlupe Gegenstände durch das Bild, bevorzugt Mordwaffen und geheime Akten. Und es gibt eine neue Trend-Krankheit für Polizistengattinnen: multiple Sklerose.

Es scheint also gerade eine neue Sprache der europäischen Serienkultur zu entstehen. Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten beäugen sich gegenseitig und wollen der starken Präsenz der amerikanischen Vorbilder etwas Eigenes entgegen setzen.

Matthias Glasner versucht das in seinem Fünfteiler Blochin mit einer klassischen Polizisten-Geschichte. Die Titelfigur (Jürgen Vogel), ein ehemaliger Gangster, ist inzwischen bei der Kripo, protegiert von seinem Schwager, genannt "Lieutenant" (Thomas Heinze). Dann holt Blochin seine Vergangenheit ein, und beide Männer verlieren das Gespür dafür, was gut und was böse ist.

Ein "Bad Lieutenant", zwei Männer, die miteinander verschwägert sind, das erinnert sehr an traditionelles US-Genre-Kino und natürlich an Breaking Bad, wo der Drogenkoch Walter und sein Schwager Hank von der Drogenfahndung einen wunderbaren psychologischen Ringkampf vollführen.

Glasner, der nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben hat, gab sich im Vorfeld der Premiere sehr selbstbewusst. Er sprach von einer neuen Ära der Serienkultur im deutschen Fernsehen und von den Freiheiten, die Drehbuchautoren und Regisseure plötzlich hätten. Aus seinem Mund klang das absolut glaubwürdig, Glasner ist nicht nur ein außergewöhnlicher Filmregisseur (Der freie Wille), sondern auch ein fortschrittlicher Serienmacher (KDD-Kriminaldauerdienst).

"Ich muss noch mal weg"

Demgemäß nahm sein Blochin auf der Berlinale eine Sonderstellung ein. Als einzige Serie war sie komplett zu sehen, sechs Stunden am Stück.

Einen Mehrteiler wie einen Kinofilm zu rezipieren ist eine außergewöhnliche Möglichkeit. Und passt zu Glasners Anspruch: "Unsere Serie ist im Grunde auch ein Film, ein langer Film, der zufällig in einzelnen Episoden ausgestrahlt wird", sagte er dem RBB. Und doch enthüllt gerade diese Art der Präsentation, auf großer Leinwand und ohne Unterbrechungen, besonders schonungslos die Schwächen von Blochin.

Es spricht nichts dagegen, die klassische Cop-und-Gangster-Story noch einmal zu erzählen. Dominik Graf hat das in Im Angesicht des Verbrechens auch getan. Seine Serie lebte von seinen unverbrauchten Schauspielern und einer unverkennbaren filmischen Handschrift. Beides fehlt bei Blochin.

Jürgen Vogel, mit dem Glasner schon seit mehr als 20 Jahren freundschaftlich zusammenarbeitet, wird in das holzschnittartige Rollenprofil "Böser Junge mit goldenem Herzen" gepresst. In sechs Stunden Film hat der Hauptdarsteller gefühlte drei Zeilen Dialog. Häufigster Satz: "Ich muss noch mal weg." Das ist besonders bitter, weil Glasner Vogel in seinem Vergewaltiger-Porträt Der freie Wille 2006 zu unglaublichen schauspielerischen Leistungen gebracht hat.