Der Reiz ist einfach zu unwiderstehlich, Tragik zu erkennen, wo womöglich gar keine ist. Doch was könnte tragischer sein für einen Schauspieler, mehr als ein halbes Leben lang nur mit einer einzigen Figur identifiziert zu werden, die er eigentlich gar nicht so oft gespielt hat. Die Fernsehserie Star Trek überdauerte ja nur drei Staffeln, bevor sie wegen Erfolglosigkeit vom US-Sender NBC im Jahr 1969 eingestellt wurde. 79 Folgen waren es am Ende, allesamt hastig und billig gedreht.

Ein wirklich großes Publikum erreichte die Serie in den USA in der späteren Zweitverwertung auf kleineren Kanälen, dann auch ging sie um die Welt; das ZDF etwa begann erst 1972 mit der Ausstrahlung der ersten, ordentlich umgeschnittenen deutschsprachigen Fassung von Raumschiff Enterprise. Und es dauerte dann wieder eine Weile, bis es 1979 mit den Star-Trek-Kinofilmen losging, mit denen es nun wegen zu großem Erfolg gar nicht mehr aufzuhören scheint. Leonard Nimoy war in acht der bislang zwölf Filme zu sehen, in seiner Lebensrolle: Spock, Halb-Vulkanier, zunächst erster und wissenschaftlicher Offizier der Enterprise, später befördert zum Captain, schließlich Botschafter.

Der Titel von Nimoys erstem autobiografischen Buch I Am Not Spock (1975) schien nahezulegen, dass er die Festlegung auf diese eine Rolle ablehnte; und dass er 20 Jahre später sein zweites autobiografisches Buch I Am Spock nannte, wirkte dann so, als habe er sich irgendwann mit seinem Schauspielerschicksal abgefunden. 

Tragisch? Nein, faszinierend

Tatsächlich aber schrieb Nimoy bereits im Vorwort seines ersten Buchs, er sei sehr stolz darauf, mit der Serie in Verbindung gebracht zu werden: "Ich habe das Gefühl, dass sie sich mit Moral und philosophischen Fragestellungen auf eine Art befasste, von der viele von uns hoffen, dass sie Teil unserer Lebensrealität wäre. Die Serie hat mir auf jeden Fall eine Ahnung von Selbstwert verliehen, und insbesondere die Beziehung zur Figur Mr. Spock war mir stets eine Orientierungshilfe beim Versuch, würdevoll ein Mensch zu sein."

Tragisch? Nein, da passt Spocks Lieblingswort besser: faszinierend. Ein Fall von Überidentifizierung eines Schauspielers mit einer Rolle, wenn überhaupt. Aber Leonard Nimoy war ja ein im method acting ausgebildeter Schauspieler. Er hatte die an Stanislawski angelehnte Methode sogar selbst gelehrt, lange bevor er sich Spock anverwandelte, Anfang der sechziger Jahre, als Vertreter seines eigenen Lehrmeisters Jeff Corey, dessen prominentester Schüler da noch James Dean gewesen war (Jack Nicholson, Barbra Streisand und Jane Fonda etwa studierten dann auch bei Corey).

Nimoy, der 1931 als Sohn jüdisch-orthodoxer ukrainischer Einwanderer in Boston zur Welt gekommen war, hatte zu dem Zeitpunkt schon ein gutes Jahrzehnt in Los Angeles gelebt und sich mit Nebenrollen durchgeschlagen. Hollywood hatte nicht gerade auf so einen Typ gewartet, der weder als Held noch Bösewicht wirklich zu taugen schien. Nimoy war gleichsam qua Geburt ein Außenseiter, und das Außenseiterhafte schien ihn offenbar auch an Spock zu interessieren.

In I Am Not Spock beschrieb er seine prägenden Kindheitserinnerungen im Kino, Charles Laughton als Glöckner von Notre Dame, Boris Karloff als Frankenstein – und wie diese monströsen Figuren für einen Moment nur Erlösung erfahren durch eine Geste der Zuneigung, "die Liebesverbindung zwischen einem Menschen und einem Fremden".