Sanft wiegen die Wipfel der Kiefern im Februarwind. Irgendwo im Geäst probt eine Amsel ihr erstes Frühlingslied. Grauer Himmel hängt über dem Wäldchen am Ortsrand von Zeesen, vierzig Kilometer südöstlich von Berlin. Einst besaß die Familie von Danckelmann hier ein Lustschloss. Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe machten es viel später zu ihrer Sommerresidenz, in der auch Theo Lingen, Werner Krauß, Gustav Knuth und Klabund weilten. Nach der Wende sorgte die linke autonome Szene mit ihrer Wagenburg im Ort für Aufregung. Jetzt hat sich Sat.1 breitgemacht. Man sieht, es geht bergab.

Holprig klingt das Lied der Amsel, holprig sind auch die zerfahrenen Wege, die ins Land Newtopia führen. Brandenburg kann manchmal so trostlos sein, da wirkt schon ein auf die karge Ackerkrume gesetzter Container wie eine Verheißung. Ganze 138 davon stehen nun am Rand des Kiefernwäldchens bei Königs Wusterhausen. Es sieht aus, als hätte es riesige Zuckerwürfel geregnet. Auf einem benachbarten Brachland steht ein in Gedanken versunkener Boxerrüde. Er kann sich einfach keinen Reim auf die Wellblech- und Plastikwelt machen und wendet ihr mit betrübtem Blick den Rücken zu.

Was er nicht weiß: In den Zuckerwürfeln geht es hoch her. Seit einem Jahr sind darin Sat.1-Mitarbeiter mit der Versüßung des Vorabendprogramms beschäftigt. Auf einem zwei Hektar großen Gelände haben sie Newtopia entstehen lassen – ein Land, in dem sieben Frauen und acht Männer zwischen 18 und 65 Jahren die ideale Gesellschaft erschaffen sollen. Allen gehört alles, alle haben die gleichen Rechte und Pflichten.

Muttererde wurde herangeschafft

Zumindest in den ersten Tagen. Wenn die Kandidaten einziehen, dann nur mit dem, was sie am Leib haben. Wenn sich das Tor hinter ihnen schließt, gibt es kein Zurück mehr. Sie dürfen das Areal nicht mehr verlassen. Bewohner aus den umliegenden Ortschaften können aber hinein, um Handel mit den Abtrünnigen zu betreiben. Das, was ihnen zur Verfügung steht, um ein Jahr lang auf dem streng von der Außenwelt abgeschotteten Gelände zu leben, sind 25 Hühner, ein kleiner Teich mit Regenbogenforellen, zwei Kühe und eine eigens für die Produktion errichtete, auf alt getrimmte Scheune, in der sich das Zusammenleben abspielen soll. Von den umliegenden Feldern wurde Muttererde herangeschafft, damit Ackerbau betrieben werden kann, Möhrchen und Spreewaldgurken gedeihen oder der Spargel wie die ersehnte Quote in die Höhe schießt.

Sat.1 erhofft sich durch Newtopia einen erfolgreichen Vorabend, der von den RTL-Serien Gute Zeiten, schlechte Zeiten oder Alles, was zählt nicht mehr gnadenlos erdrückt wird und der den Hauptabend schmackhaft machen soll. In den Niederlanden, wo die Realityshow bereits mehr als ein Jahr unter dem Titel Utopia läuft, ging das Konzept auf: Bis zu einer Million Zuschauer schauen sich dort jeden Abend den Zusammenschnitt auf dem Sender SBS 6 an; die Einschaltquote hat sich versiebenfacht. Der Produktionsleiter von Newtopia, Matthias Wolf, hält sich bedeckt, wenn man ihn auf ersehnte Zahlen anspricht und gibt sich bescheiden, aber ein Funkeln in den Augen verrät, dass es wahrscheinlich sinnvoll war, dass der Sender das Gelände bereits für zwei Jahre gemietet hat. In Amerika ist die Realityshow gefloppt. Nach nur drei Monaten hat der Sender Fox die Show eingestellt und Millionen Dollar in den Sand gesetzt. Der Geschäftsführer von Sat.1, Nicolas Paalzow, sieht die Gründe dafür in der wöchentlichen Ausstrahlung. Er hofft, dass das Leben der Anderen in Echtzeit beim Zuschauer zündet.

Durch das Tor ins Lager

Ursprünglich war das Produktionsset Militärgebiet. Und als ob auch Landschaften ihren schlechten Ruf nicht los werden, sondern ihm unverhofft noch einmal mehr denn je gerecht werden, beschleicht einen sofort ein mulmiges Gefühl, wenn man durch das Tor mit der Aufschrift Newtopia tritt. Es hat schon etwas von Lageratmosphäre; so gänzlich eingezäunt. Efeu wurde auf die Umzäunung drapiert, will den Stacheldraht aber nicht ausreichend verstecken. Warum nur kommt einem jetzt, wo ein kalter Wind durch die Wipfel fährt und irgendwo ein Rabe krächzt, der Ettersberg in den Sinn? Wie unfrei kann Fernsehen machen?

"Die niederländischen Kandidaten fühlen sich mittlerweile so wohl in ihrer eigenen Welt, dass sie gar nicht mehr raus wollen. Sie leben jetzt schon zwei Monate länger in Utopia, als ursprünglich vorgesehen", sagt der Produktionsleiter Wolf und lässt seinen Blick mit einer Mischung aus Stolz und Skepsis über das Gelände wandern. Unter seinen Schuhen bricht ein Zweiglein, in der Ferne gackert ein Huhn, der künstliche Teich liegt wie ein absinthfarbenes Zyklopenauge im Unterholz. Ob er sich vorstellen könne, selbst als Kandidat mitzumachen? Wolf lacht verhalten. "Nein, eher nicht. Ich habe Frau und Kinder draußen, und die liebe ich sehr. Ich schaue lieber von draußen zu." Gut, dass es das Draußen gibt.

Ganz nackt lässt der Sender seine sogenannten Pioniere aber doch nicht einziehen und macht Begrüßungsgeld locker. Die Kandidaten bekommen ein Startguthaben von 5.000 Euro und ein Telefonguthaben von 25 Euro, womit das Überleben in den ersten Wochen gewährleistet sein sollte. Dafür gibt es weder Betten noch Matratzen. Für Wasser, Gas und Strom sind Anschlüsse vorhanden. Toiletten? Leider nicht.