Jetzt hat Sebastian Schipper seinen Kick. Sein Film über ein Mädchen, das vier Typen in einem Berliner Club kennenlernt, sich verliebt und mit ihnen, noch ehe die Nacht ganz vorüber ist, eine Bank überfällt, sorgte auf der Berlinale für ordentlich Aufregung. Vor allem weil Schipper mit seinem Team die 140 Minuten ohne Schnitt gedreht hat. Jetzt wird "Victoria" für einen Bären gehandelt, vielleicht sogar den Goldenen. Aber nicht das ist vor der Preisverleihung, mitten im PR-Taumel, Schippers Kick. Er ist im Gegenteil völlig ruhig und gelöst, nimmt sich viel Zeit für das Gespräch, obwohl er überhaupt keine haben dürfte. "Endlich habe ich das Gefühl, mich selbst gehört zu haben", sagt er über seinen Film. Es hat sich erfüllt, wonach er sich mit diesem Projekt so sehr gesehnt hat: "Der blanken Angst ins Auge sehen! Ein Mal radikal sein!"

ZEIT ONLINE: Eben noch sagte mir ein Kollege, er sei fest davon überzeugt, dass Ihr Film Victoria ein Fake ist, dass er in Wahrheit doch irgendwie, gut vertuscht, geschnitten sei.

Sebastian Schipper: Dabei haben wir sogar drei Filme, die ungeschnitten sind, weil wir drei komplette Durchläufe gedreht haben. Und es hat drei Mal geklappt.

ZEIT ONLINE: Was sagen Ihnen solche Zweifel – außer, dass der Film buchstäblich unglaublich ist?

Schipper: Ich nehme sie als großes Lob. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, in der komplexe Informationen, die nicht sofort verarbeitbar sind, die Leute stressen. Da ist es einfacher zu sagen: "Nee, die lügen."

Film "Victoria" - "A little bit glücklich" in Berlin Eine Frau, vier Jungs: Sebastian Schipper erzählt in seinem Kinofilm „Victoria“ die Geschichte einer Nacht in Berlin – ohne einen einzigen Schnitt. Eine Ortsbegehung im Stil des Films (Kinostart: 11.Juni 2015)

ZEIT ONLINE: Der schlimmste Moment im Film ist wohl der, als Victoria vor der Bank im Fluchtauto auf ihre Freunde wartet – und der Motor ausgeht. Da steigt im Publikum selbst Panik auf, dabei haben wohl die wenigsten im realen Leben Empathie für Bankräuber. Was passiert da?

Schipper: Man darf den One-Take nicht unterschätzen. Aber man darf ihn auch nicht überschätzen. Es ist wie in der Musik. Die ist auch durch das Mikrofon verändert worden. Auf einmal gab es nicht mehr nur performing artists, sondern auch recording artists. Wie Frank Sinatra: Der hat gemerkt, dass er mit seiner Stimme gar nicht den ganzen Raum füllen muss, sondern er so singen kann, als würde er es alleine für eine Frau tun. Will man jetzt sagen: Was wäre Sinatra ohne sein Mikrofon? Könnte der überhaupt singen? Solche Fragen gehen am Thema vorbei. Die Kamera ist wie ein recording device und die Art aufzunehmen hat natürlich maßgeblich beeinflusst, was wir in Victoria tun. Aber auf anderen Ebenen, als man zunächst vielleicht denkt.

ZEIT ONLINE: Woran also liegt es, dass der Film den Zuschauer so atemlos hinterlässt?

Schipper: Wir waren erzählerisch präzise. So sehr Dialoge und Bewegungen improvisiert waren, so genau haben wir uns über die Struktur und die Innerlichkeit der Figuren Gedanken gemacht. Wir haben die drei Takes ja nicht in drei aufeinanderfolgenden Nächten aufgenommen. Es lag jeweils eine Woche dazwischen, in der wir den kompletten Film sehen konnten. Diese Zeit haben wir genutzt, um zu kapieren, wer diese Figuren eigentlich sind und was sie vielleicht anders machen müssen, damit genau das passiert, was Sie beschreiben.

Die Motivation für den Banküberfall etwa haben wir vor dem letzten Durchgang noch völlig verändert. Ursprünglich wollten es die vier Jungs einfach wegen des Geldes machen. Doch dann wäre es ganz schön rücksichtslos von ihnen gewesen, Victoria zu dem Treffen mit dem Gangsterboss Andi mitzunehmen. Jetzt fahren sie nur aus Solidarität mit ihrem Kumpel Boxer zu dem Treffen, weil dieser Andi noch einen Gefallen aus Knastzeiten schuldet. Vor Ort erfahren sie dann, dass sie eine Bank ausrauben sollen. Und erst als Andi Victoria als Geisel nehmen will, sagen die Jungs: "Okay, okay, wir machen's." Wir sind also erst vor dem letzten Dreh darauf gekommen, dass dieser Film im Tiefsten von Solidarität und dem bedingungslosen Zusammenhalt junger Leute handelt.

"Fleiß ist in der Kunst nicht das Entscheidende"

ZEIT ONLINE: Das Drehbuch zu Victoria umfasst gerade mal zwölf Seiten. Am Set konnten Sie nicht wirklich eingreifen, nachdem die Kamera einmal lief, und geschnitten wurde der Film hinterher auch nicht. Entschuldigung, aber was haben Sie eigentlich die ganze Zeit gemacht?

Schipper: Ich hab mir den Film ausgedacht. Ich habe nichts gegen Fleiß oder Arbeitswut, aber das Problem mit Filmen ist, dass so gerne fleißig von morgens bis abends, wochen- und monatelang gearbeitet wird. Dabei ist Fleiß in der Kunst nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, die Idee zu haben. Der, der am längsten ins Studio geht, um seine Platte aufzunehmen, macht am Ende auch nicht die beste Platte.

ZEIT ONLINE: Und das Handwerk?

Schipper: Handwerk ist gar nichts. Auch hier ist es wie in der Musik: Musik heißt nicht, den richtigen Ton zu treffen. Musik heißt Musik machen. Sonst könnte man sie synthetisch erzeugen. Im Moment scheinen die Regeln des Filmemachens zu lauten: Alles muss aussehen wie New Hollywood. New Hollywood ist für mich das größte Kino. Die Filme sind wie Werke von Caravaggio: riesige Gemälde, wunderschön, politisch, psychologisch, künstlerisch. Aber ich kann heute nicht mehr wie Caravaggio malen. Schon Francis Bacon konnte nicht mehr wie Caravaggio malen. Ich muss mein eigener Idiot sein und vielleicht aushalten, dass ich nicht so gut bin wie Spielberg oder Coppola. Der weiße Hai und Apocalypse Now kann man immer noch anschauen. Aber man könnte diese Filme heute nicht mehr so machen wie damals – das geriete zu einer Folkloreveranstaltung. Es ist wie mit diesem Kunstfälscher Beltracchi: Der ist offensichtlich handwerklich sehr begabt und kann malen wie die Großen. Aber ist er ein Künstler?