Eine Niederlage ist manchmal der größte Sieg. Den 7. März 1965, der als "Blutiger Sonntag" in die Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung einging, hat Regisseurin Ava DuVvernay für ihren Spielfilm Selma mit der Akribie eines militärhistorischen Reenactments nachinszeniert. Schwarze Aktivisten marschieren in Zweierreihen über die Edmund Pettus Bridge, die sich in der Bezirksstadt Selma über den Alabama River spannt. Ein historischer Ort, symbolisch zusätzlich umkämpft, weil der Namensgeber Pettus zu den Anführern des Ku-Klux-Klans gehörte.

Die Schwarzen wollen nach Montgomery laufen, zur Hauptstadt des Bundesstaates Alabama, um für ihr Wahlrecht zu demonstrieren. Koffer haben sie dabei. Transparente nicht. Am Ende der Brücke wartet der berüchtigte rassistische Sheriff Jim Clark mit Dutzenden behelmter Polizisten. Es folgen der Aufruf, die Brücke zu räumen – und der Befehl zur Attacke. Tränengaspatronen explodieren. Polizisten preschen auf Pferden in die flüchtende Menge. Gummiknüppel brechen Knochen. Die Kamera wackelt. Ein blutiges Desaster. Aber Millionen Amerikaner verfolgen die Bilder roher Gewalt vor dem Fernseher. Moralisch haben die Bürgerrechtler gewonnen.

Ein Sieg fühlt sich manchmal wie eine Niederlage an. Bereits zwei Tage später, am 9. März, kehren die Demonstranten zur Edmund Pettus Bridge zurück. Diesmal ist Martin Luther King dabei, den David Oyelowo als äußerlich stoischen, innerlich aber zerrissenen Charismatiker verkörpert. "Wie kann Präsident Johnson Soldaten nach Vietnam schicken, aber nicht nach Selma?", hat er, die Silben pathetisch rollend, gefragt. Soldaten sind nicht da. Aber viele Polizisten. Und viele weiße Bürgerrechtler.

Als die Demonstranten, unterlegt mit Bob Dylans Antikriegshymne Masters of War, das Ende der Brücke erreichen, gibt der Sheriff den Weg frei. Die Menschen auf der Brücke knieen nieder. Ein Wendepunkt, ein Gänsehautmoment. Dann steht Martin Luther King auf und dreht sich um – zum Rückzug. Er fürchtet eine Falle. "Mir ist lieber, die Leute sind auf mich wütend", sagt er, "als dass sie sterben". In der Nacht wird einer der Mitmarschierer ermordet, ein weißer Priester. "Jetzt weißt du, was es heißt, ein Nigger zu sein", höhnen die Täter. Zwei Wochen später erreichen King und 4.000 Demonstranten Montgomery. Präsident Johnson hat im Kongress eine Wahlrechtsreform auf den Weg gebracht. Ein Happy End?

Kein Regie-Oscar für "Selma"? Schwer zu verstehen

Selma – das ist die große Leistung des Films – baut seinem Helden kein Denkmal. Sondern zeigt einen Heiligen als Menschen aus Fleisch und Blut. Zum Zeitpunkt der Handlung steht Martin Luther King im Zenit seines Ruhms. Gerade hat er in Stockholm den Friedensnobelpreis entgegengenommen. Er ist ein Popstar der Protestkultur. Aber wenn er nicht einschlafen kann, ruft er Mahalia Jackson an und lässt sich durch den Hörer ein Gospel vorsingen.

So kraftvoll King im Weißen Haus gegenüber Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) auftritt, der seine Forderungen auszubremsen versucht, so kleinlaut wird er, wenn er mit seiner Frau (Carmen Ejogo) und der Familie alleine ist. Die Männer, mit denen sich King umgibt, wirken wie Ritter in eng geschnittenen Anzügen und mit Pork-Pie-Hüten. Es sind Aktionskünstler, ihnen geht es darum, größtmögliche Aufmerksamkeit zu erregen, Fernsehbilder zu erschaffen.

Martin Luther King, das sagt er gleich am Anfang, hat einen Traum. Prediger sein in einer kleinen Gemeinde. Den Traum wird er nicht mehr verwirklichen können. Warum Selma nur in den Kategorien "bester Film" und "bester Originalsong" für den Oscar nominiert wurde, nicht aber für die Regie und den Hauptdarsteller, ist schwer zu verstehen.