Die Zukunft der deutschen TV-Serie spielt sich dieser Tage an zwei Orten ab. In Bedburg in Nordrhein-Westfalen und auf der Berlinale. Während sich in Bedburg das Filmteam von Weinberg im kühlen Februarniesel die Füße abfriert, reden sich auf dem Podium des European Film Markets (EFM) der Berlinale die Produzenten die Köpfe heiß. An beiden Orten geht es um dieselbe Frage: Wie können die Deutschen endlich gute Serien machen?

Egal, wen man zurzeit zu diesem Thema fragt, ob Schauspieler, Regisseure, Produzenten, Senderverantwortliche bei Privaten, Pay-TV oder Öffentlich-Rechtlichen, alle flüstern einem dieselben Zauberworte zu: "horizontales Erzählen". Jeder Serienfan lacht da erst mal, denn das Prinzip, den Erzählbogen nicht am Ende einer Episode, sondern erst zum Schluss der Staffel zu beenden, ist nun wirklich nichts Neues. Dennoch ist diese seltene Einigkeit unter den Fernsehmachern ein Zeichen, dass eine ganze Branche gerade in Goldgräberstimmung verfällt. Oder in Torschlusspanik. Fakt ist jedenfalls, dass gerade alle großen Sender in Deutschland an ihrer eigenen Prestige-Serie basteln.

Das ZDF zeigt auf der Berlinale alle fünf Folgen seines – natürlich horizontal erzählten – Polizei-Thrillers Blochin. Geschrieben und Regie geführt hat Matthias Glasner (KDD – Kriminaldauerdienst, Der freie Wille), Hauptdarsteller ist Jürgen Vogel. Mit einem Coup präsentiert sich RTL mit Deutschland 83 auf dem Festival. Die Geschichte eines DDR-Spions, der zum Höhepunkt des Kalten Krieges in die Bundeswehr eingeschleust wird, ist die erste deutsche Drama-Serie, die in einem US-amerikanischen Fernsehsender laufen wird. Sundance TV strahlt die Kalte-Krieg-Story mit Jonas Nay, Maria Schrade und Ulrich Noethen noch in diesem Jahr aus. Auf Deutsch, mit englischen Untertiteln.

Auch das ist eine neue Entwicklung: Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass der europäische Serienmarkt US-Produktionen übernimmt. Amerikanische Sender kaufen oder adaptieren zunehmend auch europäische Serien. Bekanntestes Beispiel ist The Bridge, die US-Adaption der dänisch-schwedischen Serienkiller-Serie Die Brücke – Transit in den Tod. Und nun richtet sich der Blick erstmals auch nach Deutschland. Oder, wie der Produzent und Rechtehändler Jan Mojto sarkastisch bemerkt: "Zum ersten Mal erzähle ich von deutschen Serien, und keiner lacht sich tot."

Dass die Berlinale in diesem Jahr gleich mehrere Serien vorstellt, sowohl für Einkäufer als auch für das große Publikum, ist ebenfalls ein Novum und ein weiteres Signal dafür, dass sich Film- und Serienmarkt zusehends annähern.

ARD und Sky kooperieren

Im Rahmen der Drama Series Days verhandeln und streiten Produzenten, Autoren, Regisseure, Senderverantwortliche und Vertriebsmanager darüber, was denn nun das nächste große Ding im Seriengeschäft wird.

Auf dem deutschen Markt gucken derzeit alle auf ein Projekt mit dem geheimnisvollen Namen Babylon Berlin. Die Verfilmung der Zwanziger-Jahre-Krimis von Volker Kutscher durch Tom Tykwer (Lola rennt, Das Parfum, Cloud Atlas) markiert einen Zeitenwechsel in der deutschen Produktionsgeschichte. Zum ersten Mal nämlich kooperieren hier ein öffentlich-rechtlicher und ein Bezahlsender – nämlich ARD und Sky. So gesehen kann Babylon Berlin gar nicht mehr scheitern. Als Initialzündung für eine neue Art der Kooperation wird es auf jeden Fall in die deutsche Fernsehgeschichte eingehen.

Einen anderen Meilenstein hat vor drei Jahren, weniger bemerkt, der Sender TNT Series gesetzt. Als erster deutscher Pay-TV-Sender hatte er eine eigene Serie produziert. Add a friend handelte von Beziehungen zwischen Menschen, Computern und anderen Menschen und gewann 2013 überraschend einen Grimme-Preis.

Die TNT-Produzentin Anke Greifeneder ist heute noch überrascht von dem Erfolg. Ihre zweite Eigenproduktion, Weinberg, soll nun eine Nummer größer werden: ein deutscher Mystery-Thriller, die Produzentin bemüht sogar den Vergleich mit Twin Peaks. Das Budget liegt bei mehr als 3,5 Millionen Euro, 600.000 kamen von der Filmförderung NRW dazu – zum ersten Mal gab es Geld für eine Serienproduktion. In den Hauptrollen sind Friedrich Mücke (bekannt als Erfurter Tatort-Kommissar und aus dem Film Vaterfreuden) und Gudrun Landgrebe zu sehen.