Sicher. Diese ganze "hirnrissige Schwachsinnsidee", wie der Regisseur Sebastian Schipper sein jüngstes Filmprojekt liebevoll nennt, hätte nie funktioniert, wenn er darin nicht auch so eine rasante Geschichte erzählt hätte: von einem süßen, aber ganz schön toughen Mädel und von vier ziemlich schweren Jungs, die erst ordentlich Party machen, dann eine Bank überfallen und schließlich durch das Berliner Morgengrauen fliehen. 

Nein, ohne diesen romantischen, wilden Plot und ein paar idealistischer Irrer wäre die Idee, das alles in nur einer einzigen Einstellung zu drehen, wohl nur ungeschnittener Blödsinn geworden.

So aber ist Victoria ein Film, der das deutsche Kino nachhaltig durchrütteln wird.

Man sitzt und schaut und ist völlig überwältigt von dem, was man da sieht. Und schon bald auch von dem, was man nicht sieht, weil man sich vorstellt, wie das alles entstanden sein muss. Es ist es, als würde endlich ein großer Hunger gestillt.

Paradoxerweise liegt das daran, dass wir inzwischen übersättigt sind von perfekten Filmbildern. Ganze Crews kümmern sich am Set von Großproduktionen allein um die Lichtsetzung, um den Ton. Kostümdesginer, Maskenbildner, Requisiteure, Möbelbauer, Setdesigner – alle arbeiten auf allerhöchstem Niveau, und wo mal ein Detail noch nicht an die 100%-Marke heranreicht, schafft das die Postproduction.

Film "Victoria" - "A little bit glücklich" in Berlin Eine Frau, vier Jungs: Sebastian Schipper erzählt in seinem Kinofilm „Victoria“ die Geschichte einer Nacht in Berlin – ohne einen einzigen Schnitt. Eine Ortsbegehung im Stil des Films (Kinostart: 11.Juni 2015)

Das Ergebnis sieht dann beispielsweise aus wie der Wettbewerbsbeitrag Queen of the Desert: Hier gibt es keine Fehler, es waren ja nur verdiente Vollprofis am Werk: Werner Herzog (Regie), Nicole Kidman (Schauspiel), Peter Zeitlinger (Kamera). Aber es entsteht auch kein Funke Magie. Der Film erstickt unter seiner Kunstlackschicht.

Was hat Schipper getan? Er hatte die Idee, einen ganzen Film – mit 140 Minuten sogar einen ziemlich langen Film – mit nur einer einzigen Kameraeinstellung zu drehen. Kein Schnitt also. Die fünf Hauptfiguren treten auf, die Kamera heftet sich an sie und verlässt sie nicht mehr, bis am Ende die Kamera dann einmal für allemal abgeschaltet wird.

Das Drehbuch umfasste trotz des handlungsstarken Plots lediglich zwölf Seiten. Sämtliche Dialoge – und die fünf reden wirklich viel, häufig sogar gleichzeitig – wurden während des Drehs, während dieser einen Marathoneinstellung improvisiert.

Dabei ist es nicht so, dass der Film an einem einzigen Ort spielte. Nein, die Protagonisten wechseln mehr als ein Dutzend Mal ihre Umgebung: unteriridischer Club, Hochhausdach, Tiefgarage, Hotelsuite. Auch die Topografie dieses Thrillers ist bewegt.

Der erste Durchlauf war Schipper zu perfekt

Drei Monate lang hat Schipper mit seinen Hauptdarstellern geprobt, mit Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff. Dann gab es drei Durchläufe. Mehr waren nicht vorgesehen, um es zu schaffen. Im ersten, so erzählt es Schipper nach der Premiere in Berlin, lief alles fehlerfrei. Alle wussten, was sie zu tun hatten, keiner stolperte, keiner fiel aus der Konzentration oder bekam einen Lachanfall. "Aber es war kein Film", sagt Schipper. Too perfect. Sie mussten mehr Wahnsinn wagen.

Das wurde der zweite Durchlauf, von dem Franz Rogowski sagt, er habe danach die Hosen voll gehabt, weil ihm Schipper freundlich, aber bestimmt auseinandergesetzt hätte, dass das noch nicht die Leistung sei, die er sich für den dritten, finalen Take erhoffe.

In diesem letzten Versuch zündete dann der Funke. Es enstand ein filmisches Feuerwerk. Und wenn man denn so will, ist Sturla Brandth Grøvlen der Pyrotechniker.

Der norwegische Kameramann wirkt äußerst zurückhaltend und sehr höflich. Er ist jung, kaum 30 Jahre alt und schmal. Man fragt sich, ob er nicht im Fitnessstudio trainieren musste, bevor er sich an diesen Dreh machte: knapp zweieinhalb Stunden lang eine mehrere Kilo schwere Kamera zu tragen, mit ihr zu rennen, treppauf treppab, in Autos hinein und wieder hinaus, ganz zu schweigen von der Aufgabe, dabei das sich ständig ändernde Licht im Blick zu behalten und natürlich die Schauspieler, die ja ohne feste Dialoge sprachen.

Der Film war – so realistisch muss man sein – eigentlich nicht machbar. Hirnrissig eben.

Er wurde absolut gigantisch.