In den ersten 30 Minuten wird sich der Zuschauer freuen. Dass es die ARD-Mediathek gibt, dass er dort den Film Vorsicht vor Leuten wieder und wieder abspielen kann. Da geht ein solches Pointengewitter auf ihn nieder, dass beim Lachen über die eine die nächste glatt überhört wird. Ralf Husmann hat zusammen mit Peter Güde seine eigene, gleichnamige Romanvorlage zum Drehbuch verarbeitet. Husmann, das ist der Stromberg- und Dr. Psycho-Autor. Und Arne Feldhusen ist der Regisseur, auch er ein Stromberg, ein Tatortreiniger, einer, der das intelligente Quotenfestival bei Mord mit Aussicht mitbegründet hat.

Vorsicht vor Leuten ist die Geschichte vom kleinen und vom großen Lügner. Der kleine, das ist Sachbearbeiter Lorenz Brahmkamp (Charly Hübner) im Baureferat der Kleinstadt Osthofen. Er lügt von morgens bis abends. Bei seinem Chef, warum er seine Aufgaben so ungewissenhaft erledigt, bei seiner Frau Katrin (Lina Beckmann), warum er die Dusche immer noch nicht repariert hat, der Kaffee nicht gekauft, die Fortbildung nicht angegangen wurde: "Bier verbessert man nicht, indem man da noch Grapefruit reinpanscht. Und eine Fortbildung wäre für mich wie Grapefruit." Mit seinen Notlügen will sich Brahmkamp durchs Leben mogeln, es ist seine Art, auch kleinste Herausforderungen in die brahmkampsche Existenzform der Bequemlichkeit zu verwandeln. Seine Frau verlässt ihn, die Kündigung des eigentlich unkündbaren Jobs droht.

Großer und kleiner Lügner treffen im Film aufeinander

Alexander Schönleben (Michael Maertens) dreht das ganz große Rad des Lebens. Ein Selfmade-Millionär, mit Riesenvilla, Riesenauto, Bling-Bling-Gattin (Natalia Belitski). Einer, der nicht nur sein, sondern zugleich das Leben anderer schöner, auf jeden Fall reicher machen will. Für Osthofen hat er den Plan zum Glück: Eine Bauschuttdeponie will er zum Megapark nebst Golfanlage hochpimpen. Stadtverwaltung und Investoren muss er gewinnen, also malt er beider Zukunft golden aus. Wer jetzt kleinmütig denkt und handelt, der versündigt sich an seinem Safe und an der Sparkasse. Und hat nicht ein schlauer Investor aus Manhattan den ersten Millionenscheck geschickt?

Die Wege vom kleinen und vom großen Lügner kreuzen sich. Lorenz Brahmkamp, der Zwerg aus dem Baureferat, stolpert über die Erkenntnis, dass Schönleben ein Hochstapler und nichts anderes ist. Ein Betrüger, der die Gier der Wohlhabenden zu seinem Gewinn macht. Plündern seine Betrügereien denn Bedürftige? Lorenz Brahmkamp (und damit der Zuschauer) kommt vor die Frage: Ehrlich, aber arm oder verlogen, aber reich?

Diese Filmfrage ist nicht neu. Sie wird in dieser Komödie neu gestellt, das gibt der Produktion Kraft und eigene Qualität. Und das ist es, was Vorsicht vor Leuten über die 90 Minuten trägt. Nach der Entladung des Pointengewitters in der Ouvertüre wird der Film smart. Die Komik wird feiner, dosierter, die zugrunde liegende Frage zwar nicht diskursiv beantwortet, aber die Wandlung und Verwandlung des Lorenz Brahmkamp ins Urteil der Zuschauer gestellt.