1981 war New York noch kein aufgeräumter, glitzernder, gentrifizierter Touristen-Hotspot. New York war ein Moloch, in dem in jenem Jahr 1.826 Menschen ermordet und 120.000 Raubüberfälle verübt wurden. Mehr als 200.000 Menschen waren abhängig von Heroin oder Crack. In den vorangegangenen paar Jahren seit Mitte der 1970er hatte die Anzahl schwerer Verbrechen um 40 Prozent zugenommen, während gleichzeitig die von finanziellen Problemen geplagte Stadtverwaltung 50.000 Polizisten entlassen musste. Dieser Tiefpunkt des Niedergangs bildet den Hintergrund für A Most Violent Year, die großartige Kapitalismus-Reflexion des Regisseurs J.C. Chandor.

Hauptfigur ist der Unternehmer Abel (Oscar Isaac). Und der flüchtet aus Manhattan wie so viele der weißen Mittelschicht. White flight nannte sich das Phänomen. In einem vornehmen Vorort bezieht Abel mit seiner Familie ein neues Traumhaus aus Stahlbeton. Eine Art Bunker mit Mauern so stark wie Abels Ambitionen. Denn eigentlich passt Abel gar nicht zum white flight. Weil er nicht weiß ist, sondern mexikanischer Abstammung. Und weil ihm Mittelschicht nicht reicht; mit seiner Heizölfirma will er ganz nach oben.

Dort allerdings wird die Luft dünn. Die Konkurrenz ist alteingesessen und duldet keinen Emporkömmling. Um expandieren und mit den big players gleichziehen zu können, will Abel ein Industriegrundstück direkt am Hudson kaufen. Er leistet eine hohe Anzahlung und hat dann einen Monat Zeit, um die restlichen anderthalb Millionen Dollar aufzubringen. Der Deal scheint zu glücken, das Geschäft boomt. Wären da nicht die ständigen Überfälle auf seine Lastwagen, bei denen Zehntausende Liter Heizöl verschwinden und die Fahrer zum Teil schwer verletzt werden. Als sich einer der Fahrer wehrt und mit einer Pistole um sich schießt, zieht die Bank überraschend den versprochenen Kredit zurück. Und die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Steuerhinterziehung gegen Abels Firma.

J.C. Chandor erzählt nach seinem Wall-Street-Thriller Der große Crash – Margin Call erneut vom amerikanischen Kapitalismus. Mehr als einmal bedient er sich dabei der filmischen Mittel des klassischen Mafia-Thrillers. Ein Treffen von Abel mit seinen Konkurrenten in einem italienischen Restaurant zitiert direkt Francis Ford Coppolas Der Pate. Chandor zeigt Überfälle, Verfolgungsjagden, Prügeleien. Dabei ist seine Hauptfigur eben kein Verbrecher. Er will seine Ziele legal erreichen, moralisch integer bleiben. Abel fällt aus allen Wolken, als er erfährt, dass seine Frau Anna (Jessica Chastain) über Jahre Beträge am Fiskus vorbei auf ein geheimes Konto schmuggelte.

Gleichzeitig ist Abel alles andere als ein Engel der Barmherzigkeit. Sein Mitleid mit einem Fahrer, der brutal zusammengeschlagen wurde, hält sich in Grenzen. Er zwingt ihn, sich wieder hinter das Steuer zu setzen. Und liefert ihn nach der Schießerei umstandslos der Polizei aus. "Ich dulde nicht, dass mir irgendjemand auf meinem Weg zum Erfolg im Weg steht", sagt er. Seine Kinder sieht Abel kaum, mit Anna redet er über nichts anderes als das Geschäft. Ein Privatleben kennt er nicht. Abels amerikanischer Traum besteht aus Arbeit. Ob dieser Ehrgeiz zu so etwas wie Glück führt, scheint Nebensache. "Warum tust Du das alles? Warum willst Du den Erfolg so unbedingt?", fragt ihn sein Anwalt und Berater. Darauf hat Abel keine Antwort. Er versteht die Frage nicht. Was zählt, ist der Kampf selbst.

A Most Violent Year ist nach dem Debüt Margin Call und dem Survival-Drama All Is Lost J.C. Chandors dritter künstlerischer Erfolg in Folge. Er zählt zu den Regisseuren, die das US-amerikanische Independent-Kino derzeit so stark und so reich machen. Denn aller Nörgelei über den angeblichen Niedergang des Kinofilms als Kunstform zum Trotz begeistern im Schatten der gefeierten TV-Serien immer wieder künstlerisch herausragende Filme, die an "New Hollywood" und den Geist der großen Polit-Thriller der 1970er-Jahre anschließen. Der Unterschied ist, dass Hollywood damit heute nichts mehr zu tun hat. Die großen Studios verharren tatsächlich in ihrer kreativen Starre. Auch A Most Violent Year wurde von mehreren kleinen Produktionsfirmen gestemmt, unter anderem mit Geld aus den Vereinten Arabischen Emiraten.