Lustvolles Stöhnen, zerwühlte Laken, vor Schweiß glänzende Körper im warmen Licht eines Sommernachmittages: Ohne Umschweife werden wir hineingeworfen ins "blaue Zimmer", mitten in die heimliche Liebschaft zweier verheirateter Menschen. Nach dem Akt bleibt eine blutige Lippe und ein dahingeworfenes Bekenntnis. "Liebst du mich?", will sie wissen. "Ich glaube schon", antwortet er. "Könntest du dein Leben mit mir verbringen?", setzt sie nach. Er, gedankenlos: "Sicher…"

Monate später wird Julien (Mathieu Amalric) diesen flüchtigen Dialog wiederholen müssen. In Handschellen sitzt er dann vor dem Untersuchungsrichter, der nach dem exakten Wortlaut verlangt und ihn sogleich ins Protokoll aufnimmt. Zwei Menschen sind tot, jedes Detail, auch jeder im Liebesrausch dahingesäuselte Satz scheint plötzlich bedeutungsvoll.

Wie ein Ereignis auf die Vergangenheit abfärbt, wie es die Sicht auf Dinge nachträglich verändern kann, davon erzählt Mathieu Amalrics jüngste Regiearbeit. Das blaue Zimmer feierte im vergangenen Jahr seine Premiere in Cannes, nun kommt der Film in die deutschen Kinos. Vor einem halben Jahrhundert erzählte die gleichnamige Romanvorlage des belgischen Vielschreibers Georges Simenon vom selben Thema: "Wie anders das Leben ist, wenn man es lebt und wenn man es im Nachhinein zerpflückt!", heißt es darin – ebendiese Worte sagt im Film der konsternierte Julien.

Der führt zunächst ein geordnetes Leben als Geschäftsmann für Landmaschinen, wohnt mit Frau und schulreifer Tochter im stilsicher eingerichteten Bungalow in der französischen Provinz. Doch jede der von Christophe Beaucarnes Kamera eingefangenen Szenen entlarvt das vermeintliche Familienglück als beklemmende Abfolge von Routinen, erzählt von den leisen Qualen des bürgerlich-erlahmten Lebens. Sämtliche Abläufe sind längst eingespielt, der Alltag funktioniert – mehr eben nicht.

Doch dann tritt mit der hochgewachsenen, äußerlich kühlen Esther eine Frau zurück ins Juliens Leben, die zu Schulzeiten unerreichbar schien, nun aber ihre Liebe gesteht. Eine Affäre beginnt, vor der blauen Tapete des Hotelzimmers, sie weckt in beiden ganz unterschiedliche Hoffnungen. Während sich Julien mit dem Ventil des Abenteuers begnügt, plant Esther die gemeinsame Zukunft. Der steht noch ihr chronisch kranker Ehemann im Weg sowie Juliens Frau.

All das erschließt sich dem Zuschauer in Form von Rückblenden, in der Gegenwart sitzt Julien in Untersuchungshaft und erwartet einen Mordprozess. So unüblich rasch der Film mit seinen 76 Minuten Spielzeit vergeht, so viel Raum lässt er den einzelnen Szenen. Jede dauert ein wenig länger, als man erwartet, mitunter schafft das Intimität, in anderen Momenten verstärkt es das Unbehagen.

Immer wieder sind es Worte, die Julien während des Verhörs einholen: eigene Aussagen der Vergangenheit, Treueschwüre, Briefe und deren Bedeutung. Wie ernst darf man Gesagtes nehmen? Gibt es wirklich Aufschluss über ein Leben? "Diese Dinge kann man nicht erzählen", schreibt Simenon in seinem Roman, "es sind ganz einfache Dinge, die man selbst erlebt haben muss."

Vor mehr als fünfzig Jahren verfasste Simenon Das blaue Zimmer, Amalric hat die Vorlage behutsam modernisiert in ein Drehbuch überführt, gemeinsam mit Stéphanie Cléau, der Affäre im Film und Partnerin im Leben. Amalrics Texttreue und seine der Roman-Atmosphäre angemessene, bedächtige Bildsprache verleihen der Kinofassung ein seltsam altmodisches, zugleich überaus sinnliches Flair.

In 4:3 ist die Geschichte umgesetzt, nicht im heute üblicheren Breitwandformat. Dieser Kniff irritiert die etablierten Sehgewohnheiten. Das blaue Zimmer wirkt gestaucht, beengt, zugleich kommt der Film seinen Figuren auf diese Weise nahe. Überhaupt sind die einzelnen Einstellungen die heimlichen Stars. Der Film bietet Bildausschnitte zum Niederknien, die man sich gerahmt an der Wohnzimmerwand wünscht. Manche der statischen Tableaus nehmen ganz konkret Bezug auf Motive der Kunstgeschichte. So wird Gustave Courbets Skandalgemälde Der Ursprung der Welt zitiert, der unverhohlene Blick auf die weibliche Scham, wie auch Egon Schieles innige Umarmung zweier Liebender.

Simenons Roman legte seit jeher eine Verfilmung nahe, die Bedeutung scheinbar beiläufiger Augenblicke ist auf der Leinwand ebenso gut aufgehoben wie auf dem Papier. Erst recht, wenn man von Eindrücken wie diesen aus dem Gerichtssaal liest: "Von alledem behielt er wieder nur unzusammenhängende Bilder im Gedächtnis, Nasen, Augen, ein Lächeln, einen halboffenen Mund mit gelblichen Zähnen, das auffällige Rot eines Damenhutes, auch einzelne Sätze, deren Bedeutung er nicht zu erschließen versuchte." Diesen Überfluss an Impressionen setzt Amalric kongenial um, und nicht zuletzt gibt er selbst in der Rolle des Julien jenem Antihelden eindrucksvoll ein Gesicht, der – überfordert von den Auswirkungen seines Handelns – die Kontrolle über sein Leben verliert.