Der Moderator Jürgen Domian © picture alliance/ dpa

Manche suchen sich Gründe, um nicht einschlafen zu können. Und einer dieser Gründe war 20 Jahre lang Jürgen Domian, der all jenen sein Ohr lieh, die wirklich nicht einschlafen konnten. Die ihre Gedanken wälzten oder die ihr Gewissen erdrückte. Und da saß dann dieser hagere Mann in einem kargen Fernsehstudio wie in einer Mönchszelle, oft mit kariertem Hemd und immer mit Kopfhörern, und fragte verständnisvoll nach, in etwa so:

Claudia, warum hast du das Sofa aufgeschlitzt? Julia, hast du schon mit einem Psychologen darüber geredet? Michael, wie oft gehst du ins Fitnessstudio? Sabine, du hast also eine Vogelspinne? Uwe, was macht dich so wütend bei deiner Frau? Hartmut, bist du noch dran? Jede Nacht im WDR, von eins bis zwei.

Es ist eine Kinderfantasie, dass im Fernseher tatsächlich Menschen wohnen. Geschrumpfte Wesen, die einen durch die Mattscheibe anblicken und das alles nur für einen selbst aufführen. Vielleicht sogar: Freunde. Schwer zu sagen, ob Domian manchen seiner Anrufer der einzige Freund gewesen ist, und sei es nur für ein paar Minuten. Aber womöglich war es auch das Geheimnis seiner Sendung, dass er gar nicht versuchte, ein Freund zu sein. Dass er jeden mit der gleichen robusten Sanftheit in seine Leitung bat, die weniger wie eine Psychiatercouch erschien, sondern eher wie ein Beichtstuhl. Domian war zwei Jahrzehnte Vertrauenslehrer und Kummerkasten, Sorgenmasseur und die Stimme der Nacht, während der sich bekanntermaßen die Sorgen der Menschen aufblähen, wenn der Krach des Tages verstummt. 

In den 20 Jahren meldeten sich dort Verlassene, Einsame, Nazis, Pädophile, besorgte Ehefrauen, Drogensüchtige, schwere Trinker, Haustierbesitzer, aufgebrachte Steuerzahler und andere Menschen, die nur mal eben was sagen wollten, hinein in die Nacht. Morsezeichen von Leben. Eine Domian-Sendung konnte aus kurzen Melodramen bestehen, aus kleinen oder größeren Endmoränen von Verzweiflung, aus der Banalität von Alltag, welcher der Moderator mit bisweilen höflicher Zurückhaltung begegnete und nur selten empört. Meistens erkannte man schon an seiner Stimme, ob eine harmlose Unterhaltung ansteht oder sich gleich eine Ungeheuerlichkeit entfalten würde. Der Zuschauer sah sich meist in eine Stimmung gesteigerter Neugier versetzt, der fiebrigen Erwartung, das Wachbleiben möge sich doch noch lohnen.

In besten Tagen waren es mehr als Hunderttausend. Manchmal sahen sie nur ein betulich-erbauliches Geplauder über die Wehwehchen des Alltags, gelegentlich wurden sie allerdings Ohrenzeuge menschlicher Kuriositäten. Und darin bestand wohl der Reiz für jene, die nur zuhörten (zu sehen gab es ja nicht viel), im Warten auf eine Geschichte, die tief aus der Dunkelkammer der Seelenhaushalte zu kommen schien, die den Schauder alter Jahrmärkte verströmte oder eben anderswie unglaublich war, da man ja die Gewissheit hatte: Alles hat sich tatsächlich so zugetragen.

Und es verwundert kaum, dass aus 20 Jahren Domian vor allem jene Kuriositäten im Gedächtnis geblieben sind: Edwin, der sich eine Frau aus Hackfleisch nachbaut. Klaus, der auf benutzte Tampons steht, und Ruth, die mit ihrer Jukebox zusammen war. Falls nichts in diesem Sinne Spektakuläres vorkam, konnte man sich von Domians Stimme immerhin angenehm in den Dämmerschlaf hinübertragen lassen.

Domian musste sich zuweilen dagegen verteidigen, nur ein Teil jener Fernsehwelt zu sein, die sich an Schicksalen weidet, Lebenstragödien zu Markte trägt und uns mit Emotionen zukübelt. Aber anders als dem Boulevard ging es dem Moderator nie um Selbsterhöhung, sondern, so schien es zumindest, ums Reden und Reden lassen. Dass sich seine Sendung selbst noch in Zeiten hielt, da wir jede Intimität im Internet ausbreiten und besprechen können, es für jede Verirrung und Grille ein Forum gibt, grenzt ohnedies an ein Wunder. Nun möchte Domian im kommenden Jahr aufhören. Mehr als 20.000 Gespräche hat er geführt. Danke fürs Zuhören.