Die hypermegaindividualisierte Mediengesellschaft wagt sich nur noch selten an den alten Luftikus Spontaneität. Dokumentarformate sind zusehends gescriptet, Stand-up wird bis ins letzte Hüsteln durchdekliniert und in Live-Shows (wenn sie nicht sicherheitshalber zeitversetzt laufen) jede Unwägbarkeit weginszeniert. Kurzum: das hinreißende Handwerk der Improvisation stirbt langsam aus.

Doch vorigen November ereignete sich Ungewöhnliches: Die ARD zeigte einen Spielfilm zur besten Sendezeit, der keines Drehbuches bedurfte, um seine 13 Protagonisten zur Höchstform zu treiben. Altersglühen hieß das Gespinst speeddatender Senioren mit Senta Berger, Mario Adorf, Michael Gwisdek und Hildegard Schmahl. Der vielfach spontaneitätserprobte Regisseur Jan Georg Schütte stattete seine Darsteller mit nicht mehr als Kurzbiografien ihrer Charaktere, einer adretten Stadtvilla in Hamburg und zwei knappen Drehtagen aus. Nun hat Altersglühen Deutschlands bedeutsamste Fernsehtrophäe, den Grimme-Preis, bekommen.

Und die Juroren trafen gleich noch eine weitere sensationelle Entscheidung: In der Kategorie Fiktion prämierten sie mit Ulrich Tukurs rauschhaftem Tatort: Im Schmerz geboren den gefilmten Aberwitz. Dessen heillos überdrehte Theatralik war so mitreißend, dass der Leichenrekord jenseits der 50 beinahe zum Randaspekt geriet.

Nun muss das gehobene Feuilleton vor Entzücken nicht gleich beide Augenbrauen auf einmal hochziehen, nur weil da zwei komplette Konventionsverweigerungen zu höchsten Ehren gekommen sind. Dass der Tatort zusehends vom Normierten abweicht, hatte das Marler Institut 2014 anerkannt, indem es die Reihe als Format als solches auszeichnete. Und doch ist es mehr als bloß der Erwähnung wert, wie viel Irrsinn den Juroren in diesem Jahr einer Belobigung wert war: Faltige Menschen ohne Traumschiff und Sonnenuntergang im Rücken einfach mal frei nach Schnauze quatschen zu lassen, ist ebenso waghalsig wie Michael Proehls Shakespeare’sche Dramaturgie in Versform zur Grundlage eines tarantinoesken Tatort-Gemetzels zu machen.

Diese Honorierung von Kunst und Kreativität wird langsam aber sicher – wenn schon nicht zur Regel – so doch zur regelmäßigen Abweichung davon. Ein Trend, der mit Markus Imbodens Krimigroteske Mörder auf Amrum vor fünf Jahren seinen Anfang nahm. Jeder Ausbruch vom Erwartbaren stellt sich darin als Vorbereitung des Nächsten dar. Im Vorjahr hatte das Grimme-Institut mit der verstörend realistischen SWR-Echtzeitfiktion Zeit der Helden ein Stück vorstädtischer Lebenswirklichkeit gekürt, das jeder kolportierten Sehgewohnheit von Programmdirektor Volker Herres’ Gnaden streng zuwider lief. 

Ein weiteres Signal dieser 51. Grimme-Preis-Verleihung: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist, wenn es gut ist, richtig gut. Das unterscheidet es vom privaten, das selbst dann schlecht ist, wenn es gut gemeint ist. Kein Wunder daher, dass von den zwölf vergebenen Grimme-Preisen diesmal exakt Nullkommanull an private Sender gingen.

So gesehen war das Jahr 2014 ein gutes für den deutschen TV-Film. Vor allem aber ein gutes für uns. Die Zuschauer.