Wie außergewöhnlich Helmut Dietls Werk ist, lässt sich ermessen, wenn man versucht, eine Laudatio auf die deutsche Komödie zu schreiben. Die Aufgabe wäre nicht unmöglich, aber viel schwieriger, hätte man den Dietl nicht. Seine Arbeiten zwischen 1983 und 1992, nämlich die Fernsehserien Monaco Franze – Der ewige Stenz und Kir Royal sowie der Film Schtonk!, waren so konsensfähig wie heute US-amerikanische Pay-TV- und Netflix-Serien. Bevor er sich auf Kinoproduktionen verlegte, gehörte er zu den wenigen, deren Filme praktisch nicht in Quoten beurteilt wurden. Ähnlich erging es Kollegen wie Harald Schmidt und Dieter Hildebrandt, die er prompt in sein Ensemble aufnahm. Eigentlich müsste in jeder öffentlich-rechtlichen Fiktionsredaktion ein Dietl-Porträt hängen: als Ansporn und Beleg, dass ein publikumsfähiges Unterhaltungsfernsehen jenseits von Um Himmels Willen und SOKO Sonstwo möglich ist.

Die Erstausstrahlung von Kir Royal über den Münchner Boulevardreporter Baby Schimmerlos zum Beispiel hatte, gemessen daran, dass sie vergleichsweise teuer war, keine besonders guten Marktanteile. Aber darüber, dass sie grandios ist, waren sich Kritiker und Zuschauer einig. Kir Royal und zuvor Monaco Franze wiesen eine Präzision, Figurentiefe und Liebe zum Detail auf, wie man sie seit den Achtzigern nur noch hin und wieder in einer deutschen Serie gesehen hat. Dietls Figuren waren genau beobachtet und brillant in Fiktion übersetzt. Sie waren Charaktere mit Charakter.

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Helmut Dietl war in mancher Hinsicht selbst ein Charakter wie aus einem Dietl-Film: eine gut geschriebene Type mit Kanten, streng komponiert wie der Franz Münchinger alias Monaco Franze, der von der Fußspitze bis zu seiner aus der Hüfte geschüttelten Opernkritik ein wahnsinnig lässiger Hund ist; oder wie der Reporter Hermann Willié, der in der oscarnominierten Komödie Schtonk! die Hitler-Tagebücher entdeckt und anschließend Görings Lebensstil adaptiert. Zumindest erzählte sich Dietl selbst so. Als Figur, die nicht alles mitmacht. Die nicht gefällig sein will. Die unterhalten will, nur bitte nie dreckig und nie irgendwie.

Kein einziger "Tatort" von Dietl

Man kann es bereits als Ausweis seiner inneren Unabhängigkeit interpretieren, dass er Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte zwar studierte, aber auf den Abschluss verzichtete. Auf durch "Zwangsgebühren" finanzierten "Mist im Fernsehen" – seine Formulierungen – hatte er ebenfalls keine Lust. Die Anzahl der Auftragsarbeiten, die er fürs schnelle Geld erledigte, beläuft sich auf null. Er war zum Beispiel einer der wenigen namhaften deutschen Filmregisseure, die keinen einzigen Tatort drehten. Das lag weniger daran, dass ihm keiner zuzutrauen gewesen wäre, als daran, dass die Herstellung von Sonntagsfastfood die Figur Dietl gesprengt hätte.

Dietl war ein manischer Dirigent. Bleibende Großartigkeiten wie die anfangs erwähnten entstanden nur, weil er an seinen Geschichten so lange arbeitete, bis sie perfekt waren, und nicht nur so lange, bis sie irgendwie gedreht werden konnten. Konstantin Wecker, der die Filmmusik für Schtonk! komponiert hat und zu Dietls Ensemble gehörte, hat ihn als freundlich, respektvoll, liebenswürdig, genial und sehr stur beschrieben. Müsste man Dietl in einem einzigen Zitat zusammenfassen, ein von Wecker überliefertes vom Set böte sich an: "Ja, ja, das ist gut! Aber überhaupt nicht das, was ich will."

Sein Perfektionismus setzte bereits ein (wahrscheinlich setzte er nie aus), bevor er zu schreiben begann. Dietl kannte die Welt im Detail, über die er – in der Regel mit Coautoren wie Patrick Süskind oder Benjamin von Stuckrad-Barre – schrieb. Er kannte die kleinbürgerliche Welt, in der sein Tscharlie in den Münchner Geschichten Cowboy wird, um aus ihr hinauszureiten. Und er wusste, wie man redet und speist in jenen nerzummantelten Milieus, die er in Kulturgut gewordene Neureichensätze wie "Ich scheiß' dich so was von zu mit meinem Geld" übersetzte.