ZEIT ONLINE: Ich hatte eigentlich erwartet, eine klassische, kaum modernisierte Disney-Neuauflage von Cinderella eher kitschig zu finden. Aber als ich dann im Kino saß, wollte ich plötzlich nur noch, dass Cinderella endlich ihren Prinzen kriegt …

Branagh (lacht): Puh, da bin ich aber erleichtert!

ZEIT ONLINE: Wussten Sie gleich, wie Sie mit dem berühmten Märchenstoff umgehen würden?

Branagh: Nein, am Anfang hatte ich ähnliche Zweifel: Als ich von der Idee hörte, hielt ich es für eher unwahrscheinlich, dass ich Regie führen würde. Ich war besorgt, dass die Geschichte zu rührselig sein könnte …

ZEIT ONLINE: Was hat Sie umgestimmt?

Branagh: Ich habe mir zunächst noch einmal die Version von 1951 angesehen: Auf seine Art ist der Film ein Meisterwerk, keine Frage, aber doch sehr stark seiner Zeit verpflichtet. All dieser Gesang, die viiieelen Mäuse – und vor allem kennt Cinderella ihren Prinz vor dem Ball nicht einmal, und darauf scheint es auch gar nicht anzukommen. So geht das heute wirklich nicht mehr!

ZEIT ONLINE: Und dann?

Branagh: Chris Weitz' Drehbuch für die Neuverfilmung hat mich überzeugt, dass eine Umdeutung der ursprünglichen Geschichte möglich ist, auch wenn von außen betrachtet gar nicht allzu viel verändert wird. Wir wollten Cinderella auf keinen Fall als passives Opfer ihrer Lebensumstände zeigen. Die Herausforderung war es, die Geschichte sehr subtil, aber trotzdem spürbar zu modernisieren.

ZEIT ONLINE: An welchen Stellen vor allem?

Branagh: Meine Revolution, oder besser Evolution dieser etwas angestaubten Geschichte bestand vor allem darin, die Persönlichkeit der Hauptfigur von innen heraus neu zu interpretieren. Wir mussten zum Beispiel verständlich machen, warum Cinderella ihre neue Familie nicht einfach verlässt oder sich zumindest wehrt. Warum lässt sie sich all die Demütigungen gefallen und verpasst ihrer Stiefmutter nicht irgendwann einfach eine?

Weil Cinderella eben nicht der Typ dafür ist! Ich glaube, dass ihre Stärke echt ist. Sie praktiziert eine Art gewaltlosen Widerstand. Und das ist nicht dumm, naiv oder schwach. Ebenso wenig wie Ehrlichkeit und Unschuld, auch wenn das in unserer modernen, zynischen Welt so gern assoziiert wird.