Schon dieser sperrige Titel. Irgendwas mit Autobahn. Und dann auch noch ein Dokumentarfilm! Als Sacro GRA in Venedig vor anderthalb Jahren als erster Dokumentarfilm überhaupt den Hauptpreis des Festivals gewann, waren die Reaktionen, vorsichtig ausgedrückt, verhalten.

Certo, die italienische Presse freute sich, dass nach einer Ewigkeit von fünfzehn Jahren endlich mal wieder ein Goldener Löwe in der Heimat bleiben durfte. Von internationaler Seite jedoch gab es vor allem Ratlosigkeit und Häme. Ein Dokumentarfilm als Sieger? Na, das muss ja ein schwacher Spielfilm-Jahrgang gewesen sein! Und dann auch noch ein Film über eine Autobahn? Ja, gibt es denn keine relevanten politischen Themen, die ein Dokumentarfilm anprangern könnte?

Es stimmt schon: In Rosis fünftem Film, mit dem er nach Arbeiten in Indien, Nordamerika, und zuletzt über einen mexikanischen Auftragsmörder (im beeindruckenden El Sicario Room 164 – wieder so ein schwieriger Titel) zum ersten Mal den Blick auf sein Heimatland Italien richtet, begegnet einem weder Berlusconi noch die Mafia. Die Menschen, die er zeigt, sind so wenig Personen des sogenannten öffentlichen Interesses, wie die Autobahn-Palazzi mit den Sehenswürdigkeiten Roms gemein haben, die ewige Stadt wirkt hier sehr ephemer. Es ist ein Dokumentarfilm im besten künstlerischen Sinne.


Nichts gegen politische Dokumentationen. Einem Film wie Citizenfour verdankt die Dokumentarfilmbranche nicht nur die besten Zuschauerzahlen seit Jahren, er zeigt neben seinem brisanten politischen Inhalt ja auch großes Bewusstsein für die ästhetische Form (im Gegensatz etwa zu Michael Moores Fahrenheit 9/11, der 2004 in Cannes als erster Dokumentarfilm ein A-Festival gewann, und sich ganz auf die Bildsprache des Investigativjournalismus verlässt).

Der Erfolg dezidiert politischer Dokumentarfilme und die enttäuschten Reaktionen auf Sacro GRA sind allerdings symptomatisch für ein umfassendes Missverständnis: Dass Dokumentarfilme ihre Bedeutung allein aus möglichst relevantem Wirklichkeitsmaterial ziehen können. Dabei lebt eine bestimmte Dokumentarfilmästhetik ja gerade von den Auslassungen, der Transformation und Verformung der sogenannten Wirklichkeit. Da gibt es keine Off-Stimme, die für eindeutige Erklärungen zuständig wäre. Hier geht es nicht um Information, sondern um Beobachtung. (Ein gutes Beispiel dafür, wie sich beide Ebenen auch kongenial ergänzen können, war Patricio Guzmáns Der Perlmuttknopf dieses Jahr im Berlinale-Wettbewerb.)

Zum Beispiel der Anfang von Sacro GRA: Eine Autobahn in der Nacht, vor einem nur Dunkelheit, verschwommene Farben, blinkende Lichter. Die Welt scheint verlangsamt und unwirklich, hypnotisiert vom gleichmäßigen Rauschen. Dann plötzlich das Innere eines Rettungswagens: Grelle Hektik, Sirenen, laut redet ein Sanitäter auf den Patienten ein. Der nächste, unvermittelte Schnitt, schon ist es wieder still. Nur der Mann in Orange legt im wieder leeren Krankenwagen noch ruhig und sorgfältig eine Decke zusammen.

Wer ist der Mann? Wer war sein Patient? Was war das für ein Unfall? Gar nichts wird einem hier erklärt. Aber nach und nach wird es sich wie ein Privileg anfühlen, ihm in seinem Alltag folgen zu dürfen.