Das britische Aardman-Studio? Das sind doch die mit Wallace & Gromit. Und die machen jetzt aus Shaun das Schaf einen Kinofilm? Aus dieser Kindersendung? Fällt denen nichts Neues ein? Da läuft jede Episode gerade mal sieben Minuten, das kann in Spielfilmlänge nur Mist werden! Die sind wohl ausgebrannt! Wollen nur Geld machen! Und darauf soll ich reinfallen?!

Leiden Sie manchmal unter negativen Gedankenketten? Möchten Sie einfach mal wieder ganz befreit lachen? Dann geben Sie sich einen Ruck. Sehen Sie sich Shaun das Schaf – Der Film an. Erst recht, weil Sie kein Kind mehr sind. Innerhalb von Minuten werden Sie sich in eines verwandeln, in eine Wunderwelt aus bunter Knete gleiten und wünschen, Sie könnten für immer dort bleiben. Das ist das einzige Manko dieses Films: Es ist seinen Schöpfern nicht gelungen, ihn nie enden zu lassen.

Doch zunächst beginnt die Geschichte so: Shaun will aus der ewig gleichen Bauernhof-Routine ausbrechen. Immer nur raus aus dem Stall, auf der Wiese futtern und wieder rein in den Stall? Das Leben muss auch einem Schaf mehr zu bieten haben! Doch Shauns elaborierter Plan geht natürlich gründlich schief. Nach einem großen Durcheinander kariolt der schnarchende Bauer in einem alten Wohnwagen Richtung Stadt und stößt sich dort so heftig den Kopf, dass er sein Gedächtnis verliert und im Krankenhaus landet. Währenddessen spielen sich zu Hause die  Schweine als die neuen Herren auf. Shaun ist klar: Er muss den Bauern finden! In der Stadt stellt er fest, dass ihm seine ganze Herde heimlich gefolgt ist. Und auch Hütehund Bitzer ist auf der Suche nach seinem Herrchen.

Es stimmt ja: Die Figur Shaun ist tatsächlich alles andere als neu. Das Schaf stieg von 2007 an im Kinderprogramm kontinuierlich zum größten Star des Aardman-Studios auf. Die Serie läuft in 180 Ländern, hat 130 Episoden auf dem Buckel und mit Timmy das Schäfchen ein eigenes Spin-off für Kleinkinder hervorgebracht. Nicht zu vergessen, dass Shaun selbst ein Spin-off-Produkt ist; der lustige Wiederkäuer hatte seinen ersten Auftritt 1995 in Wallace & Gromit – Unter Schafen. Trotz dieses verzweigten Stammbaumes ist Shaun das Schaf – Der Film für das Aardman-Studio wie ein wundersamer Jungbrunnen. Leichte Ermüdungserscheinungen wie zuletzt in Die Piraten! sind wie weggeblasen.

Was sicher auch daran liegt, dass das Studio aus Bristol nach Misserfolgen in den USA die Zusammenarbeit mit amerikanischen Majors beendete und jetzt mit Studiocanal zusammenarbeitet, einer europäischen Produktionsfirma. Die Regisseure Richard Starzak und Mark Burton mussten keine Rücksicht mehr auf das Publikum im Mittleren Westen der USA nehmen. Die Großstadt, durch die Shaun seine Herde auf der Suche nach dem Bauern und der gleichzeitigen Flucht vor einem psychotischen Tierfänger manövriert, ist durch den ungeheuren Detailreichtum (gerade mal zweieinhalb Film-Minuten schaffen die Animateure des Aardman-Studios pro Woche) sofort als englisch zu erkennen. Diese City ist ein Sinnbild der Rückkehr zu den Wurzeln, die Shaun very British macht und vor Energie fast platzen lässt. Auch die wichtigste kreative Entscheidung dürfte auf die Neuausrichtung zurückzuführen sein, denn es ist schwer vorstellbar, dass ein US-Studio dieses waghalsige Unterfangen zugelassen hätte: Shaun das Schaf ist auch in Kinolänge ein Stummfilm. Wie in der Serie sind nur Musik und Soundeffekte zu hören, aber kein einziger Dialog.

Deutlich wie nie tritt so zutage, was die Filme aus den Aardman-Studios beseelt: Shaun ist eine geknetete Hommage an den Slapstick des Stummfilms. Schon in der Serie finden sich Anspielungen auf Buster Keaton; in liebevoll ausgearbeiteten set pieces türmt sich nun im Film wie beim großen Meister ein visueller Gag über dem anderen, bis alle krachend zusammenstürzen. Dazu gehören ein irrwitziger Besuch der als Menschen verkleideten Schafe in einem Edel-Restaurant, der Ausbruch aus einem Tierheim und das Finale des Films, das sich über 20 Minuten in einem wahren Taumel kinetischer Energie entrollt.

Steht Keaton für die Rasanz und Eleganz des Slapsticks, dient Charlie Chaplin als Vorbild für das Gefühlvolle. Die Shaun-Macher nennen Lichter der Großstadt als Einfluss und tatsächlich kann man in der traurigen, einsamen Hunde-Mischlingsdame, die irgendwann auftritt, eine Knete gewordene Widergängerin von Chaplins blindem Blumenmädchen erkennen. Shaun das Schaf hat vor allem im Mittelteil deutlich ruhige und nachdenkliche Sequenzen. Die Suche der Tiere nach Freundschaft, Verbundenheit und einem Zuhause kulminiert in einer herzzerreißenden Szene, in der ihr Bauer sie wegen seines Gedächtnisverlustes nicht erkennt. Auch diese Tonlage in Moll wird kongenial rein visuell erzählt. Es handelt sich nicht um angeklebte Sentimentalität, sondern, wie Chaplin wusste, um die Tragik im Herzen der Komödie, die ohne diese schal bleibt. Shaun das Schaf erlaubt uns über niedliche Knetfiguren einen Blick in unser Menschsein. Was macht uns glücklich? Dieser Film ganz sicher. Nicht nur Kinder.