Seine stärkste Szene hat der Dokumentarfilm schon nach wenigen Minuten. Da beobachtet die Kamera, wie Hühnchen auf ziemlich rabiate Art gehäutet werden. Gerade waren die Tiere noch lebendig zu sehen – doch jetzt sind da nur außen wie inwendig penibel gesäuberte Körper ohne Kopf und Federn, die von kräftigen Händen in blauen Plastikhandschuhen auf dicke Metallspieße gesetzt und mit drei, vier derben Rupfern ihrer Haut entledigt werden. Das Ganze dauert keine acht Sekunden, da schubst die Hand das Huhn schon vom Spieß und greift sich den nächsten Leib.

Willkommen in der Zukunft. Sie könnte so aussehen wie in der größten Geflügelfabrik Indiens, Suguna Chicken, in der Stadt Coimbatore im Süden des Landes. Dort finden die Häutungen statt. Suguna produziert Hühner am Fließband. Sieben Millionen Stück sind es pro Woche, und sie finden reißenden Absatz. Zwar leben viele Inder vegetarisch. Aber wie in anderen Schwellenländern steigt der Fleischkonsum auch hier. Die Hühner aus der Massentierhaltung sind beliebt, weil sie so günstig zu haben sind. Deshalb ist Suguna Chicken so groß, und Vorstandsvorsitzender Bangaruswami Soundararajan kann im Film sichtbar stolz sagen: "Wir wachsen um 20 Prozent pro Jahr. Aber wir haben noch viel vor uns. Ich hoffe, dieses Wachstum setzt sich in den nächsten 20 bis 25 Jahren fort."

Für Tierschützer ist das eine ziemlich schlimme Vision. Wie der Filmemacher Valentin Thurn dazu steht, wird in seinem neuen Werk 10 Milliarden. Wie werden wir alle satt? auch sehr schnell klar. Aus Thurns Sicht sind die Fleischfabriken keine Lösung, um eine wachsende Weltbevölkerung mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Sie sind vielmehr Teil des Problems, denn das Futter der Tiere wächst auf Feldern, auf denen sonst Nahrung für Menschen angebaut werden könnte – je mehr Getreide zu Futter verarbeitet wird, desto knapper wird Essen für die Menschen.

Wo aber liegt die Lösung? Um herauszufinden, wie die voraussichtlich bald zehn Milliarden Menschen auf der Erde mit den zur Verfügung stehenden knappen Agrarressourcen ernährt werden können, ist Thurn um die halbe Welt gereist. Sein Film begleitet ihn dabei. In Thailand kostete er proteinreiche Insekten, in Deutschland besuchte er Ökobauern und die Labore von Bayer Crop Science, in Holland filmte er den Wissenschaftler Mark Post dabei, wie der einen von ihm selbst gezüchteten künstlichen Hamburger – Kosten: etwa 250.000 Euro – briet und verspeiste; und in Mosambik ließ er einen US-Farmer von den Segnungen seiner 10.000 Hektar großen Sojafarm schwärmen, auf der Futter für die Massentierhaltung der reichen Länder wächst. Immer wieder rückt Thurn sich dabei selbst ins Bild, und als Erzähler führt er durch den gesamten Film. Die Hauptrolle aber gehört den Bauern, Forschern, Unternehmensvertretern und Verbrauchern. Die einen zeigt Thurn beim Einkauf, die anderen auf dem Hof, im Labor oder in ihrer Firma, wo sie von ihrer Perspektive auf Landwirtschaft und Ernährungssicherheit berichten.

Geschickt kontrastiert er dabei zwei widerstreitende Produktionsmodelle: Hier die Agrarindustrie mit ihren Labors, den Gen- und Hybridsaaten und dem Versprechen, dass nur eine hochproduktive, hochtechnisierte Landwirtschaft in großem Maßstab die Welternährung künftig sichern könne. Dort die alternativen Ansätze, deren Vertreter fürchten, dass die Massenproduktion ihre eigenen Grundlagen zerstört und überdies vor allem die Reichen versorgt – ausgerechnet jene also, für die Hunger sowieso kein Problem ist und wohl auch keines werden wird.