Die Menge jubelt! Hunderte Hände recken sich in die Höhe. Der euphorische Housetrack verfehlt weder in dem überfüllten Pariser Club seine Wirkung, noch im Kinosaal. Am liebsten würde man jetzt aufspringen und zwischen den Kinosesseln tanzen, wie in einer der vielen anderen Partyszenen von Eden, wenn Houseklassiker wie Joe Smooths Promised Land, Crystal Waters' Gypsy Woman oder natürlich der Überhit Stardusts Music sounds better with you aus dem Soundsystem fluten. Alles feiert, und Paul, der DJ, feiert mit. Er spielt hauptsächlich Garage House, jenes vokallastige Subgenre, das den trockenen Sound des Chicago House mit Soulgesang und dem Erbe von Disco kombiniert. Paul liebt diese Musik, seit er sie Anfang der 90-er Jahre zum ersten Mal hörte, und er bleibt ihr treu.

Eden, der dritte Spielfilm von Mia Hansen-Løve, zeigt, wie im Paris der frühen 90-er Jahre der Grundstein für das gelegt wird, was wenige Jahre später als French House die Welt erobern wird. Es herrscht Aufbruchstimmung. Auf den Parties hängen immer zwei schräge Vögel herum, die zu Hause an ersten eigenen Tracks basteln und ein paar Jahre später als Daft Punk das Aushängeschild für den French House werden. Die Hauptfigur Paul, der DJ (fast immer im Bild, die Neuentdeckung Félix de Givry), ist stark an Sven Hansen-Løve, den älteren Bruder der Regisseurin, angelehnt.

Mit seiner Clique ist er mit immer und überall dabei. Zunächst auf den geheimen Parties der frühen Jahre an entlegenen, illegalen Orten, bis die Szene immer größer wird und sich in festen Clubs feiert. Gemeinsam mit seinem Kumpel Stan gründet Paul das DJ-Duo Cheers und beginnt, selbst Parties zu veranstalten. Die beiden gründen ihr eigenes Plattenlabel und es dauert  nicht lange, dann machen sie eigene Tracks und ihre erste Platte. In der Clique tauchen neue Leute auf, andere verschwinden aus dem Blickfeld, die Freundinnen wechseln. Alle um sie herum scheinen zunehmend Erfolg zu haben. Lediglich Pauls kleines Appartement bleibt über all die Jahre dasselbe. Denn während Daft Punk Weltstars werden, muss Paul diese nervende, immer wieder an Künstler, Musiker, Schauspieler, Regisseure und, ja, auch an Filmkritiker gestellte Frage "Kann man davon denn leben?" mit einem klaren Nein beantworten. Paul lebt ein cooles Leben, aber er häuft immer mehr Schulden an.       

Mia Hansen-Løve taucht in locker aneinander gereihten, dokumentarisch anmutenden Szenen in die Lebenswelt ihres Protagonisten ein. Größere Zeitsprünge werden durch eingeblendete Jahreszahlen markiert, denn der Film begleitet Paul auf diese elliptische Erzählweise über einen Zeitraum von knapp 20 Jahren. Eden umschreibt das anfänglich leichte, von Hedonismus und Euphorie geprägte Gefühl in der Clubszene mit eleganten, fließenden Kamerafahrten, die häufige Schnitte vermeiden. Die Kamera schlängelt sich durch die Menschenmenge, und so realistisch muten die Szenen an, dass man sich als Zuschauer fühlt, als stünde man tatsächlich mitten im Club.

Klischees werden konsequent vermieden. Man spürt, dass die Geschwister Hansen-Løve, die auch das Drehbuch gemeinsam geschrieben haben, jahrelang Teil dieser Szene waren und die Musik lieben. Aber so wichtig die Musik im Film auch ist (der Soundtrack ist dank der guten Kontakte der Filmemacher außerordentlich gut), wird sie nur selten dramaturgisch als reine Filmmusik eingesetzt. So legt sie sich nie komplett über die Bilder, es bleibt immer ein echter Raumklang mit all seinen Nebengeräuschen zu hören.

Und auch die visuellen Nebengeräusche fängt Mia Hansen-Løve auf diese Weise ein: In den Partyszenen steht immer jemand gelangweilt in der Ecke, statt zu tanzen. Wie das eben so ist, auf einer Party. Es mag zunächst wie ein Widerspruch klingen, aber in dieser zurückhaltenden, undramatischen und scheinbar unfokussierten Inszenierung bleibt der Film immer ganz nah an den Figuren.