Worin liegt eigentlich der Skandal: Darin, dass Martin Armstrong behauptet, die Zukunft der Finanzmärkte voraussagen zu können und ihm das auch noch gelingt? Oder darin, dass böse Mächte seine Fähigkeiten missbrauchen wollen, um sich zu bereichern, und dabei ganze Volkswirtschaften zu Fall bringen? Beides versuchen die investigative Journalistin Karin Steinberger und der Dokumentarfilmer Marcus Vetter 93 Minuten lang nachzuweisen. So ganz will es ihnen nicht gelingen. Das macht aber nichts, denn der eigentliche Skandal, den ihr Dokumentarfilm The Forecaster  verhandelt, dreht sich gar nicht ums Geld. Sondern um das Recht. Und darum, wie ein Richter es beugt, bis es knackt.

18 Monate. So lange währt die Beugehaft, die dieser Richter aus New Jersey 1999 gegen Armstrong verhängt. Er wird schon nach der ersten Anhörung inhaftiert, offiziell, weil er einige wertvolle Gegenstände nicht an die Behörden übergeben will, darunter alte Münzen und eine Cäsar-Büste – und ein besonderes Computerprogramm. Von Letzterem wird noch zu reden sein. Was diese Gegenstände mit dem eigentlichen Vorwurf zu tun haben, Armstrong sei in einen groß anlegten internationalen Finanzbetrug zu Lasten  japanischer Anleger verwickelt, lässt das Gericht offen. Doch als Armstrong sich weigert, sie zu übergeben, erhält er abermals 18 Monate. Und noch einmal. Und noch einmal. Sieben Jahre verbringt er schließlich in Beugehaft, ohne Anklage, ohne Prozess, ohne Urteil.

Voraus geht eine Geschichte,  wie sie sich sonst nur Hollywood ausdenken kann: Da ist dieser Junge, der sich für Münzen begeistert. Wenn seine Mutter vom Einkaufen heimkehrt, schwatzt er ihr das Portemonnaie ab, um die schönsten Centstücke herauszuklauben. Später jobbt er bei einem Münzhändler und lernt, dass Geldstücke nicht nur schön und alt, sondern auch wertvoll sein können. Dass manche Leute für einen bestimmten Cent viel mehr bezahlen, als er nominell wert ist. Dieser Junge wächst erst zum erfolgreichen Spekulanten und dann zum Wissenschaftler heran, der verstehen will, wie das alles zusammenhängt: das Auf und Ab der Märkte, das Geflecht aus Banken und Wertpapierhändlern, die Währungen und die Staaten mit ihren Schulden.

Martin Armstrong wird ein Nerd des Geldes. Alles, was er darüber herausfindet, sammelt er in Datenbanken. Er ist davon überzeugt, dass historisches Wissen die Zukunft erklären kann. Nachdem er sein privates Institut Princeton Economics gegründet hat, schickt er Mitarbeiter in Zeitungsarchive, damit sie alte Wechselkurstabellen auswerten. Er analysiert das Münzwesen bis zurück in seine antiken Ursprünge und untersucht die Ursachen für Wirtschaftskrisen und Kriegen. All dieses Wissen gießt er in Computerprogramme, in Code, und findet am Ende – so behauptet er jedenfalls – eine Art finanzpolitische Weltformel. Sie beruht auf der Zahl Pi und kann angeblich auf den Tag genau vorhersagen, wann ein Markt einbricht. Die Dotcom-Blase, die Finanzkrise, die Eurokrise, all das will Armstrong vorausgesehen haben.

Die Leute glauben Armstrong, vor allem Händler und Banker. Sie wissen, wie man Geld macht, indem man  Menschen und ganze Länder manipuliert. Sie greifen Währungen an, treiben den Preis für Silber in die Höhe, beeinflussen den Platinmarkt oder verkaufen Subprime-Hypotheken als sicheres Produkt. Und sie wollen Armstrongs Code. Armstrong nennt diese Leute den "Club". Wer genau in diesem machtversessenen Club Mitglied ist, bleibt jedoch auch in dieser Dokumentation bis zum Schluss leider vage.

Das liegt nicht zuletzt an der Dramaturgie des Films. Er folgt Armstrongs Lebensgeschichte, schneidet Zeitzeugen gegen historische Aufnahmen,  zeigt Bilder seines Heimatorts, von seinen Seminaren der achtziger Jahre und seinen Begegnungen mit wichtigen Persönlichkeiten wie Margaret Thatcher, von der Haftanstalt, in der er seit der Jahrtausendwende einsaß, schließlich von Vorträgen, die er nach der Entlassung aus dem Gefängnis überall in der Welt hält. Steinberger und Vetter lassen Armstrongs Tochter zu Wort kommen, seine Mutter, Freunde, Mitarbeiter von Princeton Economics, den Anwalt, der Armstrong während seines Verfahrens vertrat, und schließlich ihn selbst. Dafür haben die Filmemacher ihre Protagonisten an vielen Orten der Welt aufgesucht, von New Jersey bis Bangkok, von Japan bis Australien.