ZEIT ONLINE: Warum ist Georg Elser im Gegensatz zu den Verschwörern des 20. Juli erst recht spät in die deutsche Gedenkkultur eingegangen?

Oliver Hirschbiegel: Das hat etwas mit seiner sozialen Herkunft zu tun. Stauffenberg kam aus der Oberschicht und operierte in einem Umfeld, in dem alle mehr oder weniger zur gesellschaftlichen und militärischen Elite gehörten. Ähnliches gilt für die Geschwister Scholl, die aus akademischen Kreisen stammten und als Gruppe agierten. Elser hingegen war ein Einzeltäter, gehörte der Arbeiterklasse an – und die hat meistens keine gute Lobby. Man konnte sich nie richtig erklären, wie ein Mann wie er mit solcher Präzision diese Bombe gebaut hat. So wurde Elser über viele Jahrzehnte hinweg als versponnener Sonderling einsortiert.

ZEIT ONLINE: Dabei hat Georg Elser schon im Jahr 1938 erkannt, dass Hitler gestoppt werden muss.

Hirschbiegel: Elser war viel hellsichtiger als viele andere. Er gehört zu den wenigen, die damals schon gesehen haben, wohin der Nationalsozialismus führt. Und er hat das Land nicht verlassen, sondern wurde aktiv. 1938 sind eigentlich alle Deutschen im Taumel: Österreich wird Teil des Reiches, das Sudetenland wurde annektiert, Deutschland hat die modernste und schlagkräftigste Armee der Welt, die Wirtschaft boomt, die Autobahnen sind gebaut. Vorgeblich geht es den Deutschen besser. Dass sich einer hinstellt und sagt: "Das geht so nicht. Das wird das Grauen!", das ist schon bemerkenswert und hält allen, die damals die Situation nicht wahrhaben wollten, den Spiegel vor. Das Empfinden dieser Peinlichkeit ist vielleicht auch ein Grund, warum Elser in der Geschichtsschreibung so lange außen vor blieb.

ZEIT ONLINE: Dies ist nicht der erste Film über Elser. Was zeigt Ihr Film, was Klaus Maria Brandauers Georg Elser – Einer aus Deutschland von 1989 nicht gezeigt hat?

Hirschbiegel: Elsers Geschichte konnte in dieser Form bisher noch nicht erzählt werden, weil die Informationen, auf denen unser Film aufbaut, erst seit wenigen Jahren bekannt sind. Brandauers Film hat mich damals stark beeindruckt, aber Brandauer konnte nur das erzählen, was er wusste. Der Stand der Forschung ist heute ein anderer. Einiges an Quellenmaterial ist seltsamerweise erst in den letzten Jahren wahrgenommen worden. Das hängt natürlich immer damit zusammen, wie sehr sich Historiker für einen solchen Fall interessieren.

ZEIT ONLINE: Ihre Hauptquelle waren die Verhörprotokolle der Gestapo. Wie vorsichtig muss man mit diesem Material umgehen?

Hirschbiegel: Die Protokolle sind erstaunlich akkurat. Das ist ja das Irritierende an diesen Leuten. Die halten schon gewisse Regeln ein, und wenn der Verhörte das so sagt, dann schreiben die das auch so auf. Die Nazis haben Elsers Worte unglaublich minutiös festgehalten. Sätze wie "Ich bin ein freier Mensch gewesen" stehen genau so im Verhörprotokoll. Aber es gibt natürlich auch noch eine Vielzahl anderer Quellen, wie etwa die Aussagen der Familienangehörigen. Einer von Elsers Neffen hat seit früher Jugend unermüdlich dafür gekämpft, dass sein Onkel rehabilitiert und als Widerstandskämpfer anerkannt wird.

ZEIT ONLINE: Ein historischer Film lebt von der Dramatisierung des tatsächlichen Geschehens. Wie viel Fiktion hat sich während des Entstehungsprozesses ins Faktische gemischt?

Hirschbiegel: Ich wollte möglichst wahrheitsgetreu erzählen. Wenn etwas dazuerfunden wurde, geschah das nur, um ein plastischeres Bild der authentischen Figur zu entwerfen. Aber an manchen Punkten weiß man eben nichts. Da muss man dann zwischen den Zeilen lesen und ein bisschen etwas dazuerfinden. Wir wussten, dass Elser die Frauen mochte und dass die Frauen ihn mochten. Er war dabei kein Frauenjäger, sondern eher einer, zu dem die Frauen kamen. Es gibt viele Fotos, die zeigen, dass er seinem Äußeren große Aufmerksamkeit widmete. Seine Anzüge sitzen besser als die der anderen. Er hatte immer ein Einstecktuch im Jackett. Solche Details erzählen viel über einen Menschen. Elser war ein cooler Stenz und ein Freidenker. Er wollte raus in die Welt und Abenteuer erleben – ein bisschen so wie die Hippies in den sechziger Jahren. Es ist eine Figur mit vielen Facetten und das wollten wir auch zeigen. Und dann geschehen Dinge, die in der Kunst üblich sind: Man tritt mit der immateriellen Welt in Verbindung und spürt irgendwann, was richtig ist. So habe ich auch Elsers Horoskop angeschaut und das ist – egal ob man daran glaubt oder nicht – auch eine gute Quelle, um sich der Figur zu nähern. Steinbock, erste Dekade – eine ganz spezielle Spezies, zu der ich übrigens auch gehöre.

ZEIT ONLINE: Das Interessante an Elser ist ja auch, dass sein politisches Gewissen unabhängig von einer Ideologie oder Religion entstanden ist.

Hirschbiegel: Ich würde das gar nicht unbedingt "politisches Gewissen" nennen. Elsers Überzeugung kommt aus seinem tiefsten Inneren. Er ist der festen Meinung, dass jeder Mensch frei sein muss und dass jede Form von Beschneidung und Unterdrückung dieser Freiheit aufgehalten werden muss. Das ist so stark in ihm, dass er sagt: "Ich muss etwas tun." Er handelt wertfrei und ohne Eigennutz. Er weiß, dass Hitler gestoppt werden muss, um vielen Menschen das Leben zu retten. Damit ist er der klassische Tyrannenmörder.