ZEIT ONLINE: Wie definiert sich der Begriff des Tyrannenmörders?

Hirschbiegel: Der Tyrannenmörder, so wie er in der Philosophie beschrieben wird, will den Menschen keine eigene Ideologie aufzwingen, sondern den Tyrannen ausschalten, weil der sein Volk verrät und ausbeutet, anstatt es zu schützen. Im Grunde ist Elser ein Seelenverwandter von Edward Snowden. Der will uns auch keine politische Idee verkaufen, sondern spürt es einfach in sich und sagt: "Das darf nicht sein. Hier werden alle Bürgerrechte beschnitten und das ist eine grausame Form von Entrechtung und Freiheitsberaubung." Es gibt Zehntausende, die das, was Snowden weiß, wissen. Aber nur er setzt seine Existenz aufs Spiel, um dieses Unrecht anzuprangern. Solche Menschen bewundere ich zutiefst für ihren Mut.

ZEIT ONLINE: An der Zeit des Nationalsozialismus arbeiten sich nach wie vor viele Filmemacher ab. Sie haben sich mit Der Untergang und nun mit Elser dieser Zeit aus zwei sehr unterschiedlichen Richtungen genähert. Worin bestehen für Sie die Faszination und die Bedeutung der filmischen Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Geschichte?

Hirschbiegel: Es ist das mit Abstand grauenhafteste Verbrechen der Menschheit, das mit einer unvorstellbaren Systematik begangen wurde. Gleichzeitig hat der Nationalsozialismus eine – wie man heute sagen würde – Corporate Identity mit Uniformen, Signalen und Superzeichen geschaffen, denen man sich bis heute kaum entziehen kann. Das ist ein sehr intensives, negatives Energiefeld, an dem wir Deutschen nie vorbeikommen werden. Das wird immer mit uns sein. Wir werden immer das Volk der Täter sein. Im Rest der Welt wird diese Zeit eher fasziniert betrachtet, hat dort teilweise Spektakel-Charakter. Aber als Deutsche haben wir die Verantwortung, all die Dinge, die aufgearbeitet werden müssen, anzugehen. Ich weiß, dass viele junge Leute in Deutschland damit nichts mehr zu tun haben wollen. Aber wenn es um den Tod von 60 Millionen Menschen geht, für die ein Volk verantwortlich ist, dann ist diese Verantwortung genetisch in uns drin und nicht nach sechzig oder hundert Jahren abgetragen.