Roman zieht die Jacke aus. Drei Kameras starren auf seinen Unterarm. Den Stormtrooper habe er sich gerade erst tätowieren lassen, erzählt er und zeigt weiter nach oben. Dort komme bald R2D2 hin, bis Ende des Sommers sei der Arm voll. "Solche brauchen wir", flüstert die Frau mit dem Mikrofon ihrem Kameramann zu, "so Fantypen." 

Im Anaheim bei Los Angeles treffen sich vom 16. bis 19. April Zehntausende so Fantypen zur Star Wars Celebration, der siebten Auflage eines Massenspektakels zur Selbstbeweihräucherung, dessen Auftakt gestern zusätzlich in 35 Kinos in 23 Ländern weltweit live übertragen wurde. Auch im Berliner CineStar am Potsdamer Platz, wo Roman um kurz vor sieben dank seines gestochen scharfen Testimonials gefragter Interviewpartner ist. Ein "globales Fan-Event der Extraklasse" nennen es die Veranstalter. Roman nennt es "geil".

Und damit hat er eigentlich alles gesagt. Er sagt aber noch mehr: alte Trilogie besser, Macht immer zweischneidiges Schwert, Angst, dass "die ganze Mythologie da rausgeht". Doch das ist den Journalisten egal, denn er hat ja einen Stormtrooper auf dem Arm und "Geil" ins Mikro gerufen. Danke Dir! Ein Fan der Extraklasse.

Eine Frau zückt derweil ihre Canon und fotografiert beseelt die Kinoleinwand, auf der "program will begin in approximately 10 minutes" steht. Ihre Nebensitzerin lädt bei Facebook ein Foto hoch: Die beiden an der Seite von Han Solo. Beziehungsweise an der Seite eines zwanzigjährigen Studenten, der im Eingangsbereich des Kinos in Kutte für Fotos bereitsteht. "Hach, der Han". Der Matrix gefällt das.

Eine halbe Stunde, bevor die Übertragung aus den USA beginnt, ziehen die Veranstalter in Berlin die Reißleine. So viel Euphorie und Freude und Geilheit schon vor dem eigentlichen Event muss abgebremst, der Höhepunkt verzögert werden. Zwei Stimmungsdrücker auf der Bühne geben sich alle Mühe. Der Großteil der Tickets wurde bei lokalen Medien verlost. Die Jobs der Moderatoren offenbar auch. Beim Zitatequiz verprellen sie den ersten Zuschauer:

"Was war Yodas letztes Wort?" 

"Tschüss", ruft ein älterer Herr und geht.

Laienhaftes Nicht-Event

Dann gewinnt jemand ein Star-Wars-Poster mit Unterschrift von J.J. Abrams, im Publikum schreit ein anderer neidisch: "Say whaaat?" Spätestens als weitere Fantypen zur Überbrückung der letzten Minuten ihre schönsten Star-Wars-Momente beichten dürfen ("Ich habe übrigens ein Stormtrooper-Tattoo auf dem Arm"), kocht der Saal ("Zeigen! Zeigen!"). 

Dann endlich der Stream in die USA, zum Highlight, zu den News, den Enthüllungen. Natürlich funktioniert der Ton erst mal nicht. Wie auf die Schatten in Platons Höhle glotzt der Saal auf die stumme Leinwand. Ein Tipp eines Fans ist die Rettung: "F5!", ruft er, "Aktualisieren!"   

Bis hierhin ist die Berliner Veranstaltung ein standesgemäß laienhaftes Nicht-Event. Die amerikanische Variante hingegen ist reinste, luftleere Perfektion. Auf der Bühne erzählen Regisseur J.J. Abrams und Produzentin Kathleen Kennedy von heart und hope und charity. Auch um die Pizza geht es, die Abrams den über Nacht wartenden Fans in der Schlange spendiert hat. Jubelnd werden Lichtschwerter in die Luft gerissen. "Macht das doch auch mal!", meint der Moderator in Berlin. Zwei Schwerter werden gezogen, aus Dank für eine Pizza, die man ja gar nicht bekam, bei einem Event, das gar keines ist.

Drei Hauptdarsteller sprechen nun kryptisch über ihre Rollen, in Sätzen, wie man sie aus Serienzusammenfassungen kennt, die auf keinen Fall irgendetwas verraten sollen. "Und dann ändert sich ihr Leben schlagartig." "Plötzlich ist er auf die Hilfe einer anderen Person angewiesen." Ob denn die alten oder neuen Darsteller am Set aufgeregter waren? "Die alten waren aufgeregt. Und die neuen auch", antwortet Darstellerin Daisy Ridley, deren Kleid vorne rosa und hinten blau ist.

Grenzenlose Begeisterung

Kurz fängt die Kamera versehentlich einen gähnenden Fan ein, dann schlägt das Imperium zurück. Es gebe im ganzen Star-Wars-Universum nichts Wichtigeres als die Fans, sagt Kennedy, Luke Skywalker spricht sogar von den UPFs, den ultra passionate fans, die nicht nur Fans seien, sondern – natürlich – Familie. Die Menge johlt, in Anaheim, in Berlin, global.

Ein Fanfest zur Live-Übertragung eines anderen Fanfests, auf dem zwischendurch Fotos wieder anderer Fanfeste gezeigt werden. Irgendwann weiß niemand mehr, was er gerade bejubelt, Hauptsache Jubel. Ähnlich verschachtelte Finanzprodukte haben vor ein paar Jahren die Weltwirtschaftskrise ausgelöst.

Dann endlich der neue Trailer, Harrison Ford sagt: "Chewie, wir sind zu Hause." Grenzenlose Begeisterung. "Noch mal, noch mal", rufen Roman und all die anderen. Der Gefallen wird ihnen getan. Und noch mal. Doch dafür müssen sie anschließend auch "supergeil" und "extremst cool" in die Kameras japsen und: "Eigentlich bin ich nicht so der Typ, aber heute habe ich drei Mal geweint."

"Der ist gut, den nehmen wir auch mit", sagt eine Mikrofonfrau und schiebt sich durch den Pulk. Wieso denn drei Mal geweint? Was war denn das Besondere? "Irgendwie kann ich das gar nicht genau sagen", meint der Fantyp, dann drückt wieder jemand F5, "aber ich habe heute drei Mal geweint!"