Dass in den USA heute kaum mehr jemand ernsthaft die traditionellen Nachrichtensendungen vermisst, liegt vor allem an Jon Stewart, Stephen Colbert und Shane Smith. Stewart und Colbert haben die Informationslücke, die gefallene Giganten wie CNN bei ihrem Niedergang hinterlassen haben, in den nuller Jahren mit neuen, politischen Comedy-Formaten ausgefüllt. Und Shane Smith hat 2007 VBS.tv gegründet, den Online-Fernsehsender von Vice.

Vice ist 1994 als kleines Pulp-Magazin in Montréal entstanden und seitdem sukzessive zu einem global agierenden Medienunternehmen aufgestiegen, was nicht zuletzt an der gesteigerten Glaubwürdigkeit ihrer Reporter lag: Je verkaterter die Vice-Reporter auftraten, desto eher nahm ihnen das Publikum ab, mit dem militärisch-industriellen-medialen Komplex nichts zu tun zu haben, den Noam Chomsky kurz nach den Anschlägen vom 11. September in seinem Buch Media Control beschrieben hatte.

Die Vice-Reporter wirkten schon allein deshalb glaubwürdig, weil sie für eine klandestine Agenda offensichtlich viel zu stoned waren. Ihre größte Stärke lag darin, in allen Belangen das genaue Gegenteil von Dick Cheney zu sein: Der Vize-Präsident von George Bush Jr. hatte 2003 den Irakkrieg vorangetrieben, von dem nicht zuletzt der Energie-Konzern Halliburton profitiert hat, dessen Vorstandsvorsitzender zwischen 1995 und 2000 – man ahnt es – Dick Cheney hieß.

Mittlerweile haben allerdings neue digitale Formate die Informationslücke des ausgehenden Fernsehzeitalters weitgehend geschlossen: Der britische Guardian hat sich mit kritischem, unabhängig finanziertem Journalismus zu einer globalen Marke entwickelt, die mit der New York Times um die globalisierte, englischsprachige Leserschaft konkurriert. Es sind neue digitale Magazine wie Ezra Kleins Vox entstanden, die fundierte, ausführliche Analysen anbieten. Und der Ebay-Gründer Pierre Omidyar hat mit The Intercept eine Onlineplattform entwickelt, auf der Stars des investigativen Journalismus wie Glenn Greenwald, Laura Poitras und Jeremy Scahill ohne Auflagendruck ihrer Arbeit nachgehen können. Wer unabhängigen, kritischen Journalismus will, bekommt ihn heute auch – online und im Zweifel kostenlos. Jon Stewart und Stephen Colbert haben darauf gerade reagiert und ihre Sendungen kurz nacheinander begraben. Vice hingegen ist heute größer als je zuvor. 

Bilder aus dem Inneren des IS

Das Unternehmen unterhält mittlerweile über 30 Büros in der ganzen Welt, produziert Filme für 20th Century Fox, CNN, HBO, Spiegel Online und zeitweise auch ZEIT ONLINE. Während fast alle Medienunternehmen beim Übergang ins digitale Zeitalter stolpern, wächst Vice kontinuierlich, weshalb es kaum mehr ein großes Medienunternehmen gibt, das sich nicht von einer Vice-Delegation hat erklären lassen, was die jungen Leute gerne sehen wollen. Der amerikanische Pay-TV-Sender HBO hat nun bekannt gegeben, dass er in naher Zukunft sogar eine tägliche Nachrichtensendung von Vice ausrichten wird.

Selbst wer das gedruckte Vice-Magazin noch nie in der Hand hatte, hat mit einiger Wahrscheinlichkeit zumindest schon einmal eine Vice-Reportage gesehen: Über die ehemaligen Sowjet-Piloten, die jetzt ihren Lebensunterhalt als Transportflieger im Kongo verdienen. Über die Schusswaffenobsession der USA. Oder die ausführliche Reisereportage aus Nordkorea. Vice-Reporter waren auch die ersten, die Bilder aus dem Inneren des IS gezeigt haben. Es war einer der größten journalistischen Coups des vergangenen Jahres, die Bilder gingen um die ganze Welt. Trotzdem wird das Unternehmen bis heute nicht als Teil des medialen Establishments wahrgenommen, sondern nach wie vor als glaubwürdige Alternative. In der generellen Medienkritik ist Vice grundsätzlich ausgenommen. Woran liegt das?

Einfach normale Typen

Vielleicht ist es letztlich einfach ein rhetorischer Trick: Ähnlich wie Rassisten, die stets hervorheben, keine Rassisten zu sein, betonen die Vice-Macher bei jeder Gelegenheit, keine Journalisten zu sein. Im Jahr 2011 hat der kürzlich verstorbene Medienjournalist der New York Times, David Carr, die Vice-Redaktion besucht und dabei mit Shane Smith über Liberia gesprochen. Kurz zuvor hatte Smith eine Video-Reportage aus dem westafrikanischen Land veröffentlicht, in der er sich unter anderem erklären ließ, dass die Menschen, weil sie für richtige Toiletten zu arm sind, einfach den Strand benutzen.

Es gibt ein Video von dem Gespräch und dort sieht man dann, wie Smith seinen Ansatz so erklärt: "Ich weiß nichts über Liberia, ich weiß nicht, was dort vor sich geht, ich gehe da nicht als Nachrichtenreporter hin. Ich tue nicht so, als wüsste ich, was falsch ist, ich bin nicht da, um die Probleme der Welt zu lösen. Ich bin einfach ein normaler Typ. Aber als ich dort war, hat dort jeder über Kannibalismus gesprochen. Und die New York Times schreibt währenddessen über Surfing. Und weißt du was: Das ist so verrückt, dass ich nicht bereit bin, über Surfing zu sprechen, also spreche ich über Kannibalismus."

Das koloniale Trauma

An dieser Stelle unterbricht ihn David Carr: "Einen Moment: Bevor du jemals dort warst, hatten wir Reporter vor Ort, die über jeden einzelnen Genozid berichtet haben, und nur weil du dir einen verdammten Safari-Hut aufsetzt und dir Fäkalien am Strand anguckst, hast du noch lange nicht das Recht, unsere Arbeit zu beleidigen. Bitte fahre fort."

Smith: "Wie gesagt, ich bin kein Nachrichtenreporter."

Carr: "Das ist offensichtlich."

Das war ungewohnt: David Carr hatte den Drachen Vice für einen Moment gebändigt, indem er ihn probeweise einfach mal ernst genommen hat. Er hat Shane Smith die Behauptung, kein Journalist zu sein, einfach genau so abgenommen, woraufhin diesem nichts anderes eingefallen ist, als es einfach noch mal zu sagen.

David Carr hat sich seinen Ruf als bester Medienjournalist der USA mit einer Medienkolumne in der New York Times erarbeitet, in der er den Journalismus zuallererst gegen die Journalisten verteidigte: Für David Carr konnte es einen Journalismus ohne Prinzipien, ohne Haltung nicht geben. Für Shane Smith hingegen liegt genau darin schon eine Art Voreingenommenheit.

Und mit dieser These passt er gut in eine Gegenwart, die vieles von dem, was im 20. Jahrhundert die moralische und materielle Überlegenheit des Westens definiert hat, zusehends als historische Sackgasse betrachtet: den freiheitlichen Individualismus, wirtschaftliches Wachstum, fallende Handelsschranken. Weite Teile der zunehmend einflussreichen postkolonialen Theorieschule betrachten schon rationale Urteile als Wegbereiter westlich-imperialistischer Expansion, schließlich stammen sie von Descartes und damit von einem Philosophen, den ganze nicht-weiße Schülergenerationen auf allen Kontinenten im Original lesen mussten, ohne mit dem Aufruf zum eigenen Denken selbst gemeint zu sein. Aus diesem kolonialen Trauma speist sich eine Sprache, in der Leopard-Panzer und Diderot bisweilen zu einer einzigen imperialen Sinneinheit verschwimmen.

Obwohl Vice deshalb aus Weltregionen berichtet, in denen viele der traditionellen Medienunternehmen keine eigenen Korrespondenten mehr haben, bleiben die Reporter kategorisch apolitisch und urteilsfrei. Und holen damit ein Publikum ab, das auch selbst apolitisch und urteilsfrei ist, nur eben aus völlig anderen Gründen: Vice nimmt die Perspektive des regular dude ein, des normalen Typen, was jegliches Erkenntnisinteresse quasi im Vorhinein ausschließt, schließlich läuft der regular dude ständig Gefahr, durch plötzliche Verständnisschübe zu einem überdurchschnittlich informierten, enervierend differenzierenden irregular dude zu werden.

Der spätjugendliche Vibe von Jackass

Wie sein Publikum hat Vice ein ausgeprägtes Bewusstsein für die globale Dimension des eigenen Lebens. Weil man aber auf der Konsumentenseite der Globalisierung darüber ungefähr so gerne nachdenkt wie über geschredderte Küken, bietet Vice Szenarien an, die konkrete wirtschaftspolitische Zusammenhänge als metaphysisches Spektakel mit einem gewissen Schauwert ausgeben, weshalb sie auch dann anschlussfähig bleibt, wenn sie sich komplexen geopolitischen Themen widmet. Vom klassischen Boulevard unterscheidet sich die Vice-Ästhetik insofern, als sie keinen konservativen Rückzugsraum als Alternative entwirft und keine politischen Allianzen kennt.

Ignorieren kann man die Vice allerdings auch nicht mehr. Der amerikanische Kulturanthropologe Mike McGovern hat kürzlich geschrieben, dass seine Studenten ihre Informationen mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit von der Vice beziehen als von der New York Times: "Vice kombiniert den rücksichtslosen, spätjugendlichen Vibe von Jackass mit der epistemologischen Visitenkarte der Anthropologie: Anwesenheit vor Ort", schreibt McGovern. "Sie adaptieren die Comedy von Jon Stewart und Stephen Colbert und mischen ihr ein wenig Hunter S. Thompson bei."

Der Anlass für McGoverns Essay: Ein Vice-Reporter hatte in Liberia, wo McGovern als Anthropologe arbeitet, Passanten geräuchertes Affenfleisch angeboten und dann gekreischt, man solle es von ihm fernhalten, er wolle nicht an Ebola sterben. So entstand der Eindruck, dass Ebola sich in erster Linie deshalb verbreite, weil die Westafrikaner unentwegt ungekochtes Ekelfleisch äßen, obwohl während der jüngsten Ebola-Epidemie der Virus nur genau ein Mal vom Tier zum Menschen übertragen worden sei: bei der allerersten Ansteckung.

Wer sich allerdings über Vice informierte, musste annehmen, dass steinzeitliche, westafrikanische Essgewohnheiten für die Epidemie verantwortlich seien und nicht etwa eine Entwicklungshilfe, die zuerst ins Militär und erst dann ins Gesundheitssystem fließt. Oder eine verspätete und verfehlte Interventionsstrategie der Weltgesundheitsorganisation. Oder eine heillos unterinformierte Bevölkerung. All diese Fragen stellt Vice nicht einmal. Dabei könnte genau darin eine gewisse Chance liegen: Es könnte sich herausstellen, dass alles sogar noch viel krasser ist.