Die ARD bezahlt Thomas Gottschalk jetzt fürs Zuhausebleiben. © Tobias Schwarz / reuters

Die ARD hat Thomas Gottschalk gerade 2,7 Millionen Euro dafür bezahlt, dass er nicht moderiert. Das hat einige verstört. Besonders die chronisch unterfinanzierte "Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm", die den Vertrag nun öffentlich gemacht hat. Die Zahl kam zustande, weil die ARD Gottschalk einen Vertrag gegeben hatte, der ihm für die Moderation von 144 Folgen der Vorabendserie Gottschalk Live! 4,6 Millionen Euro eingebracht hätte. Allerdings hätte er nach 70 Sendungen die verbliebenen Zuschauer namentlich begrüßen können, so gering waren die Einschaltquoten. Deshalb setzte die ARD die Show ab, und das Ausfallhonorar wurde fällig.

Das könnte ein Modell für die Zukunft sein. 2,7 Millionen Euro für ein Fernsehen ohne Gottschalk ist kein Desaster, sondern ein Schritt in die richtige Richtung. Der Skandal liegt woanders: Aus dem Vertrag geht hervor, dass die ARD bereit gewesen wäre, Thomas Gottschalk fast fünf Millionen Euro dafür zu bezahlen, dass er moderiert. Während also Europa zwischen einem eskalierenden Neoliberalismus, einem expansiven Russland, einem ausblutenden afrikanischen Kontinent hin- und hergeworfen wird, während amerikanische Serienformate die Fernsehunterhaltung zum dritten und vierten Mal umstürzen und neu aufstellen, während die digitalen Darstellungsformen nach finanzstarken Investoren geradezu dürsten, gibt die ARD ihr Geld immer noch in den achtziger Jahren aus.

Um ihr Publikum vor der Wirklichkeit zu beschützen, steckt sie Millionen in das Überalterungsfernsehen. In der nächsten Samstagsabend-Show der ARD, das wäre die nächste Eskalationsstufe, soll Gottschalk mit dem Saalpublikum Zahlenbingo spielen, während Hugo Egon Balder BHs zerschneidet.

Bessere Argumente könnte die ARD denen, die ihre Abschaffung fordern, gar nicht liefern. Und die formieren sich gerade: Das Freihandelsabkommen TTIP würde in seiner strengsten Auslegung den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als staatlich finanziertes Unternehmen zur unzulässigen Wettbewerbsverzerrung erklären. Der Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Justus Haucap hat gerade eine Studie veröffentlicht, die der radikal-kapitalistische Thinktank Prometheus in Auftrag gegeben hatte. Ihr Ergebnis: Weil es das Internet gibt, brauchen wir keine öffentlich-rechtlichen Medien mehr. Meinungsvielfalt und Grundversorgung gebe es auch ohne den Rundfunkbeitrag.

Mutlose Programmgestaltung

Haucaps schlägt vor, mit dem Geld aus der Privatisierung der Öffentlich-Rechtlichen einen Fonds zu gründen, der "Sendungen von öffentlichem Interesse" finanziert. Das Grundproblem wäre allerdings selbst dann nicht gelöst, schließlich ist genau das die Legitimation des Rundfunkbeitrags. Ob Jauch und Gottschalk ihre Mondgehälter aus einem Fonds beziehen, der letztlich auch aus öffentlichem Geld besteht, oder gleich aus dem Rundfunkbeitrag, ändert nichts an der deprimierend mutlosen Programmgestaltung der Anstalten.

In den sechziger und siebziger Jahren seien die Öffentlich-Rechtlichen als "Business Angels" der deutschen Intellektuellen aufgetreten, hat Frank Schirrmacher einmal formuliert. Sie hätten Leuten wie Herbert Marcuse, Heiner Müller und Hannah Arendt Raum gegeben und ihre Positionen zu TV-Ereignissen gemacht. Die Köpfe, die unsere Gegenwart auf unerhörte Weise formulieren, gibt es auch heute. Nur haben sie vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts mehr zu erwarten. In ihrer jetzigen Verfassung ist die ARD vor sich selbst nicht mehr zu retten.