Dora (Victoria Schulz, r.) und ihre Mutter (Jenny Schily, l.) beim Arzt © Alamode Film

Dora (Victoria Schulz), die titelgebende Figur im zweiten Film der Regisseurin Stina Werenfels, ist geistig behindert. Und sie will Sex. Darf die das? Offiziell spricht zumindest nichts dagegen. In der sogenannten Duisburger Erklärung haben Behinderte schon 1994 ihre Ziele und Wünsche an die Gesellschaft formuliert. Darin steht: "Wir möchten entscheiden, in welche Schule wir gehen. Wir möchten die Wahl haben, wo und wie wir wohnen. Wir möchten über Freundschaft und Partnerschaft selbst entscheiden."

Seither ist viel passiert. Die Teilhabe von behinderten Menschen am öffentlichen und politischen Leben ist seit 2008 sogar gesetzlich verankert, als die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat. Aber was in einem Gesetzestext steht, ist noch lange kein gelebter Alltag. In den Köpfen herrschen noch immer viele Vorurteile. Und Tabus.

Kaum hat Mutter Kristin (Jenny Schily) die Beruhigungsmittel der 18-Jährigen absetzen lassen, da erwacht in Dora ein Verlangen, das sich nicht mehr mit Märchenbüchern ruhigstellen lässt. Beim Baden masturbiert Dora nun ganz unverhohlen, und einen schönen Mann hat sie sich auch schon ausgesucht: Peter (Lars Eidinger), den sie auf dem Markt kennenlernt, auf dem sie arbeitet. Peter entpuppt sich als Schwein, aber das versteht Dora nicht. Obwohl er sie auf dem Bahnhofsklo vergewaltigt. Sie will Sex mit ihm, immer wieder. Heiraten natürlich auch. Und es dauert nicht lange, da ist Dora von ihrem Peter schwanger. Die hilflosen Eltern schleppen sie zur Abtreibung. Aber kurz darauf ist Dora erneut schwanger. Dieses Mal will sie das Kind unbedingt austragen.

Es gibt Szenen in diesem Film, bei denen man nur noch die Augen schließt und sich weit weg wünscht. Im Bahnhofsklo etwa, wenn Peter keucht: "Lutsch' meinen Stengel" und sein Penis in Großaufnahme in die Kamera glotzt. Oder wenn Peter zu einem der Dates in einem Hotelzimmer für eine Mé­nage-à-trois noch einen Kumpel mitbringt. Dann ist Werenfels nah dran an der unbarmherzigen Direktheit eines Ulrich Seidl (Hundstage). Und die Gewissheit des Zuschauers, wie er denn nun stehen soll dazu, was doch nun einmal Doras freie Entscheidung zu sein scheint, zerstiebt in tausend Stücke.

Das Thema zeigt, dass Filme durchaus zum Gradmesser dafür taugen, was eine Gesellschaft gerade bewegt. In den letzten Jahren fand es immer wieder den Weg in die Kinos. Im kanadischen Drama Gabrielle zum Beispiel, ebenso der belgischen Tragikomödie Hasta la vista und mit Abstrichen auch dem schweizerischen Film Vielen Dank für Nichts. Sie alle wollten keine moralinsauren Problemfilme sein, sondern nahmen behinderte Menschen als Gegenüber ernst, mit all ihren Sehnsüchten und Herausforderungen. Das moralische Gelände aber war klar abgesteckt, die Dramaturgie umging morastige und unübersichtliche Stellen. Sie machte den Zuschauer zum Vertrauten, der sich in seinen liberalen Ansichten bestätigt sehen durfte. Dora ist anders. Stina Werenfels leuchtet die Grauzone zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung behinderter Menschen und seinen möglichen Konsequenzen aus.

Werenfels nimmt also in Kauf, dass die gelebte Sexualität Behinderter durch ihren Ansatz zu einem zweifelhaften Recht wird. Wo sich vor allem Gabrielle abmühte, die sexuellen Wünsche ihrer Hauptfigur als nachvollziehbar erscheinen zu lassen, geht Dora den entgegengesetzten Weg. Und Werenfels, die das Drehbuch nach einem Theaterstück von Lukas Bärfuss verfasste, geht ihn auch konsequent weiter. Denn im Gegensatz zur Vorlage wird Dora nicht nur schwanger, sie bekommt das Kind auch. Es geht also nicht nur um die Sexualität behinderter Menschen, sondern auch um ihre Fortpflanzung – ein vielleicht noch größeres Tabu.

Ein mutiger, unbequemer Film also. Aber leider kein wirklich gelungener. Denn mit der filmischen und dramaturgischen Umsetzung schießt Stina Werenfels übers Ziel hinaus. Dora läuft bei zunehmender Laufzeit Gefahr, unabsichtlich das Vorurteil zu bestätigen, dass Sex für Behinderte gefährlich und unnatürlich ist. Stina Werenfels betont mit ihrer Inszenierung laufend Doras Andersartigkeit. Vor allem durch das Mittel der subjektiven Kamera: Sie stellt Doras Wahrnehmung der Welt nach, mit seltsam verschobenen Schärfen, verwaschenem Fokus, ungewöhnlichen Kadragen, Detailaufnahmen von Schnecken.

Sicher ist es so, dass geistig behinderte Menschen die Welt anders wahrnehmen. Das tun aber Kleinkinder, Alkoholiker oder Depressive jeweils auch. Die subjektive Kamera bringt hier keinen Erkenntnisgewinn und keine Nähe. Sie stigmatisiert. Und ist es wirklich glaubhaft, dass Dora nicht spürt, dass sie brutal vergewaltigt wird? Besonders diese Szene unterstreicht die Wahrnehmung sexueller Lust von Behinderten als etwas Perversem. Noch dazu parallelisiert Werenfels' Drehbuch Doras Weg mit dem ihrer Mutter, die sich dringend noch ein gesundes Kind wünscht, aber nicht mehr schwanger werden kann. Die Geschichte wirkt dadurch wie eine Versuchsanordnung. Dass die Regisseurin dringend auch noch Grundsätzliches zum Frau-und Mutter-sein in Zeiten der modernen Reproduktionsmedizin sagen möchte, überfrachtet ihn vollends.