In Our Little Sister erzählt der japanische Regisseur Kore-eda Hirokazu von drei Schwestern, die alleine in dem alten Haus ihrer Familie wohnen und – als sie ihre jüngere Halbschwester kennenlernen – sie einladen, ebenfalls bei ihnen zu leben. 

"Natürlich!", mag man denken, wieder eine Geschichte um Kindheit und Familienbande, Themen, um die Kore-eda so gerne kreist. Diesem Film liegt zwar ein japanischer Manga zugrunde, Umimachi Diary, der dem Film auch seinen Originaltitel gab. Doch obwohl er diesmal ein Buch adaptierte, hat Kore-eda in seinem eigenen, ganz unverkennbaren Stil gedreht, und man glaubt ihm sofort, wenn er sagt, dass ihn die Geschichte des Manga von Anfang an fasziniert hat. Sie scheint wie für ihn, den großartigen Familien-Erforscher, erfunden worden zu sein. 

Chika, Yoshino und Sachi sind zwischen 19 und 29 Jahre alt. Sie leben noch immer gemeinsam in dem Haus, in dem sie einst mit ihren Eltern und der Großmutter wohnten. Doch vor fünfzehn Jahren trennten sich die Eltern, der Vater zog fort und heiratete eine andere. Die Mutter erlitt einen Zusammenbruch und zog ebenfalls weg. Dann starb vor sieben Jahren auch die Großmutter. Das ist alles schon sehr lange her. Im Film erschließen sich diese Umstände, die ganz nach lautem Familiendrama klingen könnten, erst nach und nach und sehr leise. So, wie die drei Schwestern jetzt am Abend zusammensitzen und gemeinsam essen, schwatzen, dabei ein wenig von ihrem Leben erzählen oder eben auch nicht, scheinen die Schatten dieser Vergangenheit nicht sehr gegenwärtig. 

Allerdings scheint es in ihrer aller Leben eine Art Stillstand zu geben. Sachi, die Älteste und Ernsthafteste, arbeitet als Krankenschwester und hat eine Beziehung zu einem verheirateten Mann, der sich nicht von seiner Ehefrau trennen mag. Yoshino arbeitet wenig ehrgeizig als Bankangestellte, sie trinkt gerne und manchmal auch zu viel und interessiert sich vor allem für ihre attraktiven Kollegen. Chika ist mit 19 die jüngste der drei und noch immer so etwas wie das Baby. In der ersten Szene, die wir mit ihr sehen, krabbelt sie auf allen Vieren aus ihrer Koje an den Frühstückstisch und schaufelt sich dann ihr Essen so kindlich ein, dass die große Schwester sie ermahnen muss, nicht so zu schlingen. Die Organisation dessen, was die drei zärtlich selbstironisch ihren Mädchenschlafsaal nennen, überlassen die beiden Jüngeren gerne der Älteren. 

Dann erfahren die drei, dass ihr Vater, von dem sie seit 15 Jahren nichts mehr gehört haben, gestorben ist. Er hat noch ein Kind mit seiner zweiten Frau bekommen, die aber inzwischen tot ist. Am Ende lebte der Vater mit seiner Tochter und einer dritten Frau zusammen. Aus purem Pflichtbewusstsein beschließen die drei Schwestern zur Beerdigung zu fahren. 

Dort lernen sie Suzu kennen, ihre Halbschwester, eine nicht nur wohlerzogene und verlässliche, sondern auch ganz bezaubernde Dreizehnjährige. Und als die drei Schwestern nach der Trauerfeier wieder abreisen, machen sie Suzu spontan den Vorschlag, doch bald zu ihnen in das gemeinsame Familienhaus zu ziehen. Auf Suzu wirkt diese Einladung wie ein Traum, der in Erfüllung geht. Sie blickt auf und während der Zug mit ihren großen Schwestern den Bahnhof verlässt, rennt sie ihnen ausgelassen mit den Armen winkend nach. 

So viel Leichtigkeit und Zärtlichkeit

So sieht es bei Kore-eda aus, wenn er seinem Zuschauer nicht nur von einer spontanen, aber lebensverändernden Entscheidung erzählen will, sondern gleichzeitig auch von all dem, was vorher geschehen sein muss: Dass Suzu kein gutes Verhältnis zu ihrer Stiefmutter hatte, dass sie ganz alleine ihren Vater gepflegt hat, seit der schwer erkrankt war, dass sie ihre leibliche Mutter vermisst, die viel zu früh gestorben ist. 

Mit so viel Leichtigkeit und Zärtlichkeit bringt Kore-eda seine Protagonisten in ihre neue Situation, mit so viel Herzenswärme entwickeln sich dann die neuen Bande zwischen den einzelnen Schwestern, dass alles Dunkle, was nach und nach zur Sprache kommt, nie wirklich finster wirken kann. Man sieht die vier in ihrem Heim, wie sie Pflaumen ernten und nach einem Rezept der Großmutter zu Schnaps einlegen; im Restaurant, wo sie durch ein Algensandwich erfahren, dass ihr Vater hier wohl Stammgast gewesen sein muss; wie sie spazieren gehen, Besorgungen machen und wieder nach Hause kommen. Wie sie eine Familie werden.

Der Regisseur feiert das Leben

Eine Geschichte von vier Geschwistern, die auf sich alleine gestellt sind, hat Kore-eda schon einmal erzählt, 2004, in dem Film Nobody Knows, der übrigens ebenfalls im Wettbewerb von Cannes lief. Damals hatte ihn das reale Drama der "Kinder von Nishi-Sugamo" aufgewühlt. Eine Mutter hatte ihre Kinder im Stich gelassen, so dass sie sich alleine versorgen mussten – in einem Alter zwischen dreizehn und zwei Jahren. Nach mehreren Monaten waren die Kinder völlig unterernährt und verwahrlost, das jüngste starb.

Schon damals war es Kore-eda wichtig zu zeigen, dass es in dem Leben dieser Kinder nicht nur Schreckliches, sondern auch schöne Momente gegeben haben muss. In Our Little Sister nun hat er die Geschichte gänzlich ins Lichte gedreht. Es ist, wenn man so will, das Positiv zu dem Drama von Nobody Knows

Kore-eda feiert das Leben, indem er den Augenblick betont. Darin besteht der Zauber seiner Filme. Vergänglichkeit und Tod werden dabei nicht geleugnet. Im Gegenteil, beides wird gezeigt, im Verstreichen der Jahreszeiten, im Wandel des Lichts, im Sterben von Figuren, die uns über den Film ans Herz gewachsen sind. Einmal fährt Suzu auf dem Gepäckträger eines Freundes durch eine Straße, die ganz überwölbt ist, vom strahlend weißen Blühen der Kirschbäume. Die Kamera zeigt uns dazu das Lächeln auf Suzus Gesicht, und man sieht: Glück ist, die Schönheit im Vergänglichen zu erkennen.