Für den Post-Punk waren die Bedingungen im West-Berlin der achtziger Jahre ideal: Wegen seines Inselstatus mit Sonderregelungen für Wehrpflicht und Sperrstunde war West-Berlin ein einzigartiges Biotop für Jugend- und Subkultur. Bands wie die Einstürzenden Neubauten, Malaria oder Die tödliche Doris, Künstler wie Martin Kippenberger und Filmemacher wie Jörg Buttgereit rüttelten mit teils nihilistischen, teils humorvollen und nicht selten spektakulären Angriffen auf alte Hör- und Sehgewohnheiten die Kulturszene auf. Und die Berliner Mauer war immer wieder Kulisse, Bühne oder Leinwand für ihre Aktionen.

Jetzt widmet sich die Dokumentation B-Movie dieser popkulturellen Epoche. Durch den Film führt ein Erzähler, mit dem man nicht unbedingt rechnen konnte: der Brite Mark Reeder. Oft ist das lustiger als Oskar Roehlers autobiografische Karikatur Tod den Hippies!! Es lebe der Punk, der sich jüngst mit derselben Szene beschäftigte, vielleicht gerade weil B-Movie sein Thema viel ernster nimmt.

Als seriöser Zeitzeuge wird einem der sympathische Reeder trotzdem schnell suspekt. Überall scheint er dabei gewesen zu sein, alle geschichtsträchtigen Ereignisse erlebt, jede zentrale Persönlichkeit gekannt zu haben. Kann das sein? Oder erlaubt sich hier jemand einen Kunstgriff? Oder noch schlimmer: einen Scherz auf Kosten der Authentizität?

Die Wahrheit liegt wie so oft zwischendrin. Mark Reeder spricht sie zu Beginn des Films selber aus: "'Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht erlebt', hat Falco einmal gesagt. Ich war dabei, mittendrin. Und ich kann mich noch gut erinnern. Hoffe ich jedenfalls."

Wie viele junge Leute in seiner heruntergekommenen Heimatstadt Manchester flüchtet sich der Uniformfetischist Reeder Ende der siebziger Jahre in die Musik, hört Punk und New Wave. Er spielt sogar in einer Band, deren Sänger Mick Hucknall später mit Simply Red zu Weltruhm gelangen wird. Er kennt Tony Wilson vom einflussreichen Plattenlabel Factory persönlich, und natürlich auch Ian Curtis, den Sänger von Joy Division.

Als Plattenverkäufer ist Reeder im Epizentrum dieser Aufbruchstimmung des britischen Post-Punk. Aber er ist auch von dem mythischen, kühlen Klang der deutschen Elektroniker der siebziger Jahre fasziniert, von Tangerine Dream, Kraftwerk, Klaus Schulze und all den anderen. Mit deren kosmischer Musik und Bildern aus Nazi-Deutschland im Kopf macht er sich 1978 in seinen Armeeklamotten auf, um seine musikalischen Helden zu treffen.

Das Tangerine Dream-Mastermind Edgar Froese trifft er in Berlin jedoch nicht an. Schlechtes Timing: Froese tourt gerade in England. Stattdessen trifft Reeder auf allerlei geniale Dilettanten, die im Gegensatz zum bereits kommerzialisierten Punk-Rock in England zwischen den Nachkriegsruinen der Stadt den Untergang tanzten. Kurz zuvor hatten David Bowie und Iggy Pop hier noch die 70er Jahre ausklingen lassen, nun erstrahlen die 80er Jahre geräuschvoll im kalten Neonlicht.

Mark Reeder treibt sich in Szenetreffpunkten wie dem Risiko oder dem SO36 herum, lernt neue Wörter wie "Kaputtnix" und "Radikalinski" und freut sich über eine Wohnung zum Nulltarif in einem der vielen besetzten Häuser. Bald arbeitet er als Soundmixer für die Toten Hosen, für die er ein illegales Konzert in Ost-Berlin organisiert, er wird Manager der Frauenband Malaria!, holt Joy Division für ein Konzert nach Berlin, lernt auf einer Tournee mit seiner eigenen Band Die Unbekannten Nick Cave kennen, der kurz darauf in Berlin sein Untermieter wird.

Er tourt mit New Order, tritt in Splatterfilmen von Jörg Buttgereit auf, stößt auf die zukünftigen Technostars Westbam und Dr. Motte und veröffentlicht und mit seinem eigenen Label MFS sehr erfolgreich Trance-Music. Da meldet sich wieder dieser Zweifel: Wie kann dieser Mark Reeder überall gleichzeitig sein? Die Antwort findet man im editorischen Konzept des Films. Die Redensart "Der Film entsteht im Schnitt" trifft hier besonders zu.