Da ist der junge Mann, der seiner Mutter eines Nachts erzählte, er sei der Engel des Teufels. Heute wüsste er gern, welcher Mensch er ohne Medikamente wäre. Da ist der Psychiatriepfleger, dessen Sohn mit 24 schizophren wurde. Die Ärzte attestierten eine "versandende Persönlichkeit", nicht zu retten. Sein Sohn verweigerte die Medikamente und geht heute normal arbeiten. Oder da ist der Arzt, der gesteht, dass ihm manche Patienten Ärger gemacht haben und er ihnen deshalb Medikamente gegeben hat, um sie ruhigzustellen.

Sie sind drei von 24 Protagonisten in der Dokumentation Nicht alles schlucken – ein Film über Krisen und Psychopharmaka. Ihre Namen und auch die der anderen Personen erfährt der Zuschauer nur, wenn er die Website zum Film besucht. Hintergründe, Lebensumstände und Berufe bleiben in der Dokumentation ebenso verborgen, es sei denn die Anwesenden thematisieren sie.

Die Szenerie gleicht einer Selbsthilfegruppe, nur ohne Moderator. Trialogforum heißt das Konzept. Es existiert seit 1989 und soll Menschen mit Psychoseerfahrungen, Angehörige und psychiatrische Fachkräfte zusammenbringen. Im Film treffen sie in einem Stuhlkreis aufeinander. Vor kahlen Wänden und abgehangenen Fenstern erzählen Patienten, Angehörige, Psychiater, Pfleger und Betreuer – mal allein, mal in der Gruppe – von ihren Erfahrungen mit psychischen Krisen, mit Medikamenten und deren offenbar viel zu hoher Dosierung. 

Gesellschaftlich lenkt die Dokumentation den Blick auf ein viel diskutiertes Problem. Massenhaft Medikamente werden Patienten in psychiatrischen Kliniken täglich verabreicht. Forscher haben einige Psychopharmaka im Verdacht, psychotische Zustände gar zu verschlimmern. Zahlreiche Medikamente bergen Suchtpotenzial. Menschen fallen zurück, werden auf höheren Dosen wieder eingestellt und geraten in einen pharmakologischen Teufelskreis. Die Betreuung in der Psychiatrie stellt Pfleger und Ärzte vor große Herausforderungen. Die Betreuung im Anschluss an den Klinikaufenthalt ist lückenhaft. 

Geschichten von menschlichen Abgründen, Hilflosigkeit, Wut. Sie deuten an, wie wenig das Krankheitsbild der Psychose verstanden ist. Sie prangern an, wie fahrlässig medizinische Fachkräfte starke Medikamente viel zu hoch dosieren und breitflächig einsetzen. Sie offenbaren ein krankes psychiatrisches Versorgungssystem, in dem offenbar eine viel zu große Bereitschaft herrscht, Patienten abzuschreiben und ihnen ihre Hoffnung auf Heilung zu nehmen.

Sie lassen zweifeln, was es denn eigentlich bedeutet, normal, gesund oder bei klarem Verstand zu sein. Sind wir normal, weil wir unsere Emotionen kontrollieren? Sind die krank, weil sie impulsiv handeln oder vermeintlich wirre Luftschlösser bauen? Traurigkeit, Zerrissenheit und Wankelmut sind menschliche Eigenschaften. Sie können gar der Nährboden für Großes sein. Ohne sie wären künstlerische Meisterwerke der Welt womöglich entgangen, brillante Wissenschaftler wären vielleicht nie zu ihren Erkenntnissen gelangt.