Da steht er nun, mitten im Raum, wie ein Hologramm in Krieg der Sterne, nur nicht so körnig wie Prinzessin Leia. Wir schreiben das Jahr 2015, Daniel Bröckerhoff ist also gut zu sehen, als er im Greenscreen-Großstadtverkehr eine Premiere feiert: Heute Nacht ist 22 Jahre nach Nina Ruges erstem Auftritt im ZDF seit Montagabend Geschichte. Die nachrichtliche Geisterstunde heißt nun: heute+.

Die Sendung soll fortan alles grundlegend anders machen als die Ahnherren aus dem analogen Regelprogramm. News der Generation Internet, Instant-Infos für Bröckerhoffs Peergroup. Fern der weihevollen Würde von Anchormen wie Claus Kleber, der dem Nachwuchsmoderator ein possierliches Werbevideo gedreht hat, in dem sich der Platzhirsch herrlich selbstgerecht über den Frischling mokiert: Ohne Krawatte?! Ohne Tisch?!? Crazy!!!!

Genauso trat der Neue am alten Sendeplatz gestern tatsächlich auf, um 23 Uhr live in der ZDF-Mediathek, 50 Minuten später im traditionellen Fernsehkanal. Das Hemd guckt dem öffentlich-rechtlichen Newcomer von auch schon fast 40 Jahren lässig aus der verwaschenen Jeans, die Hände stecken hipstergerecht in tief sitzenden Hosentaschen, als er de Zuschauer zu den "neuen Nachrichten im ZDF" begrüßt. Die heißen, der Reihe nach: Flüchtlingspolitik, Klimawandel, irgendwas mit Drogen, dazu die übliche Dosis Bahnstreik, ein bisschen Krieg (IS im Irak), ein bisschen Popkultur (LED-Radtouren durch Berlin), fertig nach 15 Minuten.

Kasuistik und Häppchen

Die informationelle Revolution ist ganz schön kurz. Vor allem aber ist sie alles Mögliche, aber nicht informativ. Fünf meinungslastige Beiträge in einer Viertelstunde plus Newsblock und Eigenwerbung – das bietet allenfalls Raum für Kasuistik und Häppchen. Zwei iranische Asylbewerber erzählen von ihrer Ankunft in Deutschland, ein kenianischer Schlepper erzählt vom Schleppen, ein substituierter Junkie vom Substituieren. Kontext? Metaebene? Relevanz? Zweitrangig! Zusätzlich geht es um menschelnde Modethemen, wie diese Radfahrer, die als LED-beleuchtete Critical Mass durch die Hauptstadtnacht rollen – nachhaltig wie Bubble Tea. Ab und zu mögen Statistikfetzen übers Touchpad wehen; zur Illustration globaler Fluchtwege sagen drei haltlose Sätze eines Betroffenen in Nairobi ebenso wenig übers globale Megathema aus wie sechs künftige Engpässe im Kühlschrank, die, ja genau, der Klimawandel zu verantworten hat. Kaffee wird irgendwann knapp? Armes Kreuzberg.

Die Frage also lautet: Bekommen die öffentlich-rechtlichen Gebühreneintreiber mit dem banalen Mix aus Logo, LeFloid und Tagesschau24 die Jugend weg von RTL oder Instagram zurück vor den Fernseher, der längst kein Fernseher mehr ist, sondern ein Flatscreen zum Anfassen, gern in Form eines Smartphones mit beiläufiger Telefonfunktion, jedenfalls mobil, das heißt, nicht fest installiert, im Wohnzimmer gar, sondern überall und nirgendwo und immerzu und überhaupt und war das jetzt eigentlich zu viel Wort und Schwall und Kraut und Rüben und Zackzackzack in mehr als 500 Zeichen, die übrigens an einem uralten Netbook entstanden sind, Baujahr ungefähr, pardon: approximately 2009, also multimediahistorisch Steinzeit, gewinnt man – zurück zur Frage – multitaskinggeschulte Digital Natives der auch schon wieder dritten Generation auf diese Weise also zurück fürs klassische Programm?

Zielgruppenanschlussfähigkeit

Die Antwort muss anspruchsvollen Sachkonsumenten durchaus Angst bereiten, denn sie lautet: langfristig vermutlich schon, wenn auch die Premiere im stationären Fernsehen eine schwache Quote von 660.000 Zuschauern aufwies. Der moderierende Netznudist Bröckerhoff glänzt weniger durch Eloquenz und Kenntnistiefe als durch optische Zielgruppenanschlussfähigkeit und 44.800 Tweets für 10.300 Follower. Wenn er den nächsten Bahnstreik verkündet, bedient sein "und alle so Yeah" das Pro7-Publikum wie die urbane Partycrowd, der auch seine vielen Versprecher im Onlinedebüt herzlich egal sein dürften – in der anschließenden Fernsehfassung waren diese wie von Geisterhand geglättet. Vielleicht macht es seine Co-Moderatorin Eva-Maria Lemke besser, mit der sich Bröckerhoff täglich abwechselt.

heute+ will nicht informieren, sondern um seiner selbst Willen crossmedial sein, bis der Server dampft. Deshalb werden einige Beiträge schon vor Sendungsbeginn online veröffentlicht; deshalb darf bei Facebook und Twitter fleißig Einfluss genommen werden auf Sendung, Inhalt, Moderatoren, alles "in Echtzeit, immer verfügbar", wie die Redaktion wirbt.

"Ich hoffe", beendete Daniel Bröckerhoff die Show, "wir haben niemanden zu sehr verstört". Doch, sie haben. All jene, die durch Nachrichten etwas von der Welt erfahren wollen, anstatt sie bloß youtubegerecht zubereitet zu bekommen wie einen netten Videoclip. Claus Kleber, übernehmen Sie, zur Not auch mit Krawatte!