Blühen neu auf: Michael Caine und Harvey Keitel in Paolo Sorrentinos "Youth" © Festival de Cannes

Michael Caine und Harvey Keitel sind zwei großartige alte Männer, die in Youth von Paolo Sorrentino zwei großartige alte Männer spielen. Fred Ballinger (Caine) ist ein berühmter Dirigent und Komponist im Ruhestand, Mick Boyle (Keitel) ein berühmter Filmemacher, der gerade an seinem jüngsten Werk arbeitet. Sein bester Film soll es werden, sein Vermächtnis. Die beiden kennen sich seit Langem, ihre Freundschaft ist etwas völlig Selbstverständliches geworden und jedes Jahr verbringen sie gemeinsame Tage in genau jenem Schweizer Sanatorium Schatzalp, in dem Thomas Mann seinen Zauberberg schrieb. Sorrentino inszeniert es zeitgemäß als luxuriöses Wellnesshotel, in dem die beiden alten Freunde über die Zukunft philosophieren. 

"Zukunft bedeutet, Möglichkeiten zu haben", sagt Sorrentino nach der Vorführung seine Films in Cannes. "Und Möglichkeiten zu sehen ist das Wesen der Jugend." Aber worin besteht die Zukunft für zwei alte Menschen? 

Fred möchte nichts mehr mit Musik zu tun haben, betont er gleich zu Beginn. Ein Angebot, sein bekanntestes Stück, Simple Songs vor der Queen in London zu spielen, lehnt er kategorisch ab. Er möchte seine Karriere hinter sich lassen und hätte am liebsten, dass auch die Simple Songs in Vergessenheit gerieten. Ganz anders sein Freund Mick. Jeden Tag verbringt er mit der jungen Crew seines neuen Films, der bezeichnenderweise Der letzte Tag meines Lebens heißen soll, und macht sich Gedanken um Besetzung und Schlussszene.

Umgeben sind die beiden von Freds Tochter (Rachel Weisz, die damit in zwei Filmen im Wettbewerb vertreten ist), einem jungen Schauspieler, der sich auf seine nächste Rolle vorbereitet, sowie von allerlei weiteren Hotelgästen und Personal, die alle auf ihre Weise einen Beitrag zu der Diskussion darüber leisten, worin Altern respektive Jugend besteht.

Wie in seinem Film La Grande Bellezza, der 2013 ebenfalls in Cannes lief, hat Sorrentino auch hier die Dialoge ins Zentrum vieler Szenen gestellt, während er die Kamera wieder Luca Bigazzi anvertraut hat, der diesmal viel mehr ruhige Tableaus einfangen hat von den Aufenthalten der beiden Freunde in den Bädern und Massageräumen des Hotels, im Garten und auf ihren Spaziergängen.

Wenn La Grande Bellezza ein exaltiertes Fest war, ist dies hier die Entschlackungskur. Weniger Fellini, mehr Visconti. Weniger Dolce Vita in Rom, als Kur in Davos. Darüber streiten jetzt in Cannes die Kritiker und in Italien, wo der Film bereits angelaufen ist: Die einen finden es schade. Das Künstliche an Sorrentinos Arbeit wirke dadurch diesmal tatsächlich künstlich. Den anderen wachsen auch diese Altherrenfiguren ans Herz. 

Michael Caines Ballinger wirkt besonnen und abgeklärt, ohne dass man deswegen an den Leidenschaften zweifelte, die er einst pflegte oder womöglich noch immer pflegt – für die Frauen, für die Musik. Ganz am Ende sieht man ihn tatsächlich dirigieren und wie Caine es in dieser Szene schafft, gleichzeitig eine der Szene angemessen professionelle Abgeklärtheit zu zeigen, dieses leicht zusammengekniffen Britische, und dabei doch keinen Zweifel daran lässt, wie stark es ihn berührt, ist wirklich ganz große Schauspielkunst. 

Caine war erst einmal in Cannes, vor 49 Jahren. Damals lief Alfie im Wettbewerb und wurde mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. "Den Preis hat der Film bekommen. Nicht ich. Also bin ich nie wieder gekommen", scherzt Caine jetzt. Gut möglich, dass es sich gelohnt haben wird, diesmal doch angereist zu sein.