Die Entscheidung darüber, welcher Film ein Festival eröffnen darf, inklusive Stargästen, Blitzlichtgewitter am roten Teppich und hoher Erwartungen, ist eine komplizierte Sache. Der Auftaktfilm sollte unterhalten, rühren, gerne auch Tiefgang beweisen, aber sein Publikum bitte nicht allzu benommen aus dem Kinosaal entlassen.   

Interessant ist, in welchem Gleichschritt die beiden größten deutschen Filmfestspiele in Berlin und München diese Herausforderung zuletzt gemeistert haben. Mit Wes Andersons wildem Bilderspaß Grand Budapest Hotel legte die Berlinale im vergangenen Jahr vor, mit ähnlich heilen Bonbonbildern in Jean-Pierre Jeunets Die Karte meiner Träume zog das Filmfest nach. Diesmal: ein ähnliches, aber doch ganz anderes Spiel. 

Im Februar auf der Berlinale folgte Juliette Binoche in Keiner will die Nacht als verwöhnte Abenteurergattin ihrem Mann bis in die Arktis, wo sich nach anfänglichem Misstrauen gegenüber einer Inuk-Frau im Überlebenskampf eine ungewöhnliche Freundschaft entwickelte, das alles vor der historischen Folie der Nordpol-Entdeckung im Jahr 1908. 

Das Grundgerüst von Den Menschen so fern, dem Eröffnungsfilm des gestern gestarteten Münchner Filmfestes liest sich wie folgt: zwei grundverschiedene Männer, anfängliches Misstrauen, Überlebenskampf und eine ungewöhnliche Freundschaft vor der historischen Folie des algerischen Unabhängigkeitskriegs gegen die französische Kolonialmacht im Jahr 1954. 

Wobei man dem Film des noch weitgehend unbekannten Regisseurs David Oelhoffen durchaus nicht gerecht wird, wenn man ihn auf das bloße Geschehen reduziert. Er schmückt eine kaum 20 Seiten lange Erzählung des Nobelpreisträgers Albert Camus aus, denkt sie weiter und lebt dabei ganz von der Erhabenheit seiner Landschaften, der zurückgenommenen Musik von Nick Cave und Warren Ellis und dem so präzisen wie dezenten Spiel seiner beiden Hauptdarsteller Viggo Mortensen und Reda Kateb

Über die staubigen Wege

Mortensen, noch immer hartnäckig verfolgt von seiner Rolle als Aragorn im Herrn der Ringe (die er im Übrigen seinem damals 11-jährigen Sohn zuliebe angenommen hatte), beweist nach Glanzvorstellungen unter David Cronenberg jetzt ein weiteres Mal, wie brutal unterfordert er als schwertschwingender König doch war, wie vielschichtig und intelligent er seine Figuren anlegt – egal ob sie ihm den sorgenden Familienvater oder den kaltblütigen Mafioso abverlangen.  

Nun reüssiert der Sohn eines Dänen und einer Amerikanerin als ehemaliger französischer Soldat und Dorfschullehrer ohne Dorf, am Vorabend des Algerienkrieges. Darus Schule liegt in einem Tal fernab jeglicher Zivilisation, umgeben von nichts als der kargen Felslandschaft Nordafrikas. Täglich strömen die Kinder der Umgebung ins Klassenzimmer, im Raum nebenan wohnt Daru; im Film wie bei Camus führt er ein "beinahe mönchisches Dasein", ist zufrieden "mit dem Wenigen, was er besaß und mit der Rauheit seines Lebens". 

Als man Daru den zum Mörder gewordenen Bauern Mohamed übergibt, weigert er sich zunächst, den Gefangenen an die französischen Behörden auszuliefern, wo ihn die Todesstrafe erwartet. Doch dem offiziellen Befehl kann sich letztlich auch der weltabgewandte Lehrer nicht widersetzen und so ziehen die beiden einander fremden Männer los, über die staubigen Wege der zerklüfteten algerischen Hochebene und durchs Atlasgebirge, immer auch auf der Flucht vor Arabern, die auf Blutrache sinnen. Und siehe da: Im Laufe der Tage erwächst langsam Sympathie zwischen Daru und Mohamed.