Ein glückliches Kind in den neunziger Jahren und auch heute sagt im Scherz zu seinen Eltern: "Ich ruf den Kinderschutzbund!" Gelegenheiten dazu gibt es viele: Ins-Bett-gehen-sollen, Zimmer-aufräumen-müssen, später dann Sehr-lange-ausgehen-wollen und Grenzen-austesten. Bei aller Albernheit sagt es dies in dem Bewusstsein, dass ein Kind Rechte hat und Schutz verdient und beides im Zweifelsfall einfordern kann.

"Du kommst ins Heim!", drohten dagegen noch in den sechziger Jahren bei ähnlichen Anlässen die Eltern. Manche meinten es ernst. Und mit Rechten und Schutz war im Heim dann nicht mehr viel.

Etwa 800.000 Kinder und Jugendliche wurden nach Angaben des Fonds Heimerziehung des Familienministeriums in der Zeit von 1949 bis 1975 in Westdeutschland in Heime eingewiesen. Anstelle von Pädagogen betreuten in den überwiegend kirchlichen Einrichtungen meist Geistliche die Kinder, das Erziehungskonzept beruhte auf Drill, Disziplin und Unterwerfung, auch durch körperliche Gewalt. In vielen Einrichtungen ersetzte Arbeit den Schulunterricht. Deshalb fordern damalige Opfer heute eine Entschädigung für die geleistete Zwangsarbeit, etwa in Form von Rentenansprüchen.

Marc Brummunds Spielfilm Freistatt nun erzählt von dem gleichnamigen "Arbeitserziehungslager" in Niedersachsen, das als ein besonders hartes Beispiel für die Heimunterbringung gilt. Mitten im Moorgebiet lag es, wo die Jugendlichen an sechs Tagen die Woche im Torfabbau arbeiten mussten, und das sie zudem vollkommen von ihrer Umgebung isolierte. Fluchtversuche waren beinahe unmöglich.

Der Regisseur Marc Brummund war in den siebziger Jahren ganz in der Nähe von Freistatt wohlbehütet aufgewachsen, hatte im gleichen Moor gespielt, ohne von dem Geschehen zu wissen. Es war diese räumliche Enge bei gleichzeitig vollkommener Isoliertheit, die ihn zu seinem Spielfilmdebüt inspirierte. Anfang des Jahres wurde er dafür auf dem Max-Ophüls-Festival mit dem Publikumspreis und dem Preis der Jugendjury ausgezeichnet.

Freistatt ist also ein Film über ein gesellschaftlich wichtiges, zu wenig beachtetes Thema. Das macht skeptisch. "Achtung, Relevanz!", scheinen solche Themenfilme allzu oft zu schreien. Wenn das Spannendste an einem Film seine inhaltliche Relevanz ist, warum dann nicht gleich eine Dokumentation drehen? Was ist der Mehrwert eines Spielfilms, der nur bereits feststehende Fakten illustriert? Und vor allem: Ist es nicht ziemlich langweilig, eine Geschichte zu sehen, in der von vornherein feststeht, wer die Guten und wer die Bösen sind?

Tatsächlich wirkt Freistatt zu Beginn, als würde der Film alle Befürchtungen bestätigen. In Sepia-Optik (Vergangenheit! Historisch!) sieht man den 14-jährigen Wolfgang (Louis Hofmann) mit seinen Freunden herumalbern, sich messen, Rockmusik nachsingen. Er macht keinen Hehl daraus, dass er den neuen Mann seiner Mutter weder mag noch achtet. Als er seinen Freunden dessen Pornohefte zeigt, werden sie erwischt, doch auch die Wut seines Stiefvaters macht Wolfgang keine Angst. Er provoziert lieber weiter. Erst nimmt die Mutter ihn noch in Schutz, doch schließlich (Stiefvater böse, Mutter schwach) muss Wolfgang ins Heim: nach Freistatt, wohin die besonders renitenten Jugendlichen kommen.

Das kann nur ein Spielfilm

Dort herrschen andere Regeln. Die Betreuer sprechen bloß in Befehlen, die anderen Jungen in Wolfgangs Alter halten die Köpfe gesenkt. Außer wenn sie unter sich sind. Da demütigen sie den Neuen erst einmal, damit er spürt, wer in der Rangordnung das Sagen hat. Es sind dann Szenen wie die der Gewalt im Waschraum, bei denen man den Eindruck hat, sie schon viele Male gesehen zu haben. Auch das grobe Anheischen während der Feldarbeit ("Schneller! Nicht einschlafen!"), die Schläge mit der Schaufel: Schreckensklischees, die nur bekannte Bilder zu reproduzieren scheinen.

Ja, es macht einen trotzdem wütend, wie die Starken sich auf Kosten der Schwachen profilieren, wie die Aufsichtspersonen wegsehen oder selbst mit Lust demütigen, kleinhalten und niederdrücken, statt Lebenslust und Freundschaft unter den Jungen zu bestärken, wenn sie aufkeimt. Nur fühlt alles sich so an, als würde man mit den immer gleichen Rollen mitleiden, als wäre es unvermeidlich, wie es weitergeht.

Dass der Film es dann doch noch schafft, einen zu überraschen, dass die Figuren sich von Schablonen zu Charakteren wandeln, die einen etwas angehen, das liegt zum einen an den wirklich sehr guten Schauspielern (Hauptdarsteller Louis Hofmann hat verdientermaßen auch schon den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller gewonnen). Sie spielen nicht nur brutale Abgestumpftheit oder leidendes Ausgeliefertsein, sondern sämtliche Schattierungen dazwischen. Sie sind dabei wache Menschen, die zwar gerade in eine furchtbare, menschenfeindliche Umgebung gesperrt sind, aber sich nicht darauf reduzieren lassen.

Zum anderen nimmt Wolfgangs beeindruckende Widerständigkeit einen immer wieder für ihn und den Film ein. Er begehrt auf, stiftet zur Rebellion an, obwohl die Kräfteverhältnisse so ungleich sind und auch die anderen Jungs es ihm nicht danken, sondern ihn verprügeln, wenn sie seinetwegen mal wieder kein Abendessen kriegen.

Und dann gibt es auf einmal diesen wunderbaren Moment, in dem sie doch zusammenhalten. Da wird einem Jungen der Plattenspieler weggenommen, und er kuscht nicht, sondern singt das Lied einfach selbst weiter. Als er still sein soll, stimmen die anderen ein, Freedom singen sie – und sind für die Dauer dieses Songs ganz plötzlich sehr stark. 

So etwas geht eben nur im Spielfilm: eine solche Szene, die einen so berührt. Schon bald gibt es dann auch keine eindeutigen Antworten mehr: Sind wirklich die Heimerzieher schuld? Oder nicht sogar die Eltern, weil sie ihre Kinder weggeben und gar nicht wissen wollen, wie es ihnen geht? Auch die Jugendlichen müssen sich zuerst selbst retten, ihr Mitgefühl für einander flammt auf – und stirbt sofort wieder ab.

Als im Abspann Archivbilder des echten Freistatt gezeigt werden, sieht man auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen tatsächlich einen Aufseher mit Peitsche, verwahrloste und abgestumpft blickende Jugendliche. Hätte man jetzt lieber einen Dokumentarfilm gesehen? Um zu wissen, was damals wirklich genau geschah: ja, vielleicht. Wenn man dafür die Figur Wolfgang mit seiner schier unerschöpflichen Aufmüpfigkeit missen müsste: niemals.

Und sei es nur für diese eine Gesangsszene: Die fiktionalen Bilder in Freistatt gewinnen ihren Wert dadurch, dass sie sich im Kopf und im Bauch des Zuschauers festsetzen – tiefer, als es dokumentarischem Faktenwissen gelingen würde. Die Bilder erzählen von inneren und äußeren Widerstandsmöglichkeiten. Sie geben einem das Gefühl, dass man nach außen nur so lange Kraft hat, wie man im Inneren an sie glaubt. Deshalb kann man Freistatt sehen. Nicht, weil das Thema wichtig ist, sondern weil solche Gefühle wichtig sind.