Morgens um vier ist die Welt noch in Ordnung. Es sei denn, es läuft "Game of Thrones". Der deutsche Bezahlsender Sky zeigt die fünfte Staffel der Erfolgsserie parallel zur US-Ausstrahlung auf HBO. Während der Primetime in Amerika ist in Deutschland allerdings noch nicht einmal die Sonne aufgegangen. Unser Autor muss nun also jeden Montag verdammt früh aufstehen – um zu verraten, was in der Fantasy-Serie passiert.

"Lannister, Targaryen, Baratheon, Stark, Tyrell", Daenerys Targaryen zählt gegenüber Tyrion Lannister die bedeutenden Häuser von Westeros auf, die schrecklichen Familien. Und die Möchtegernkönigin spricht: Diese Geschlechter, "das sind nichts anderes als die Speichen eines Rads. Mal ist diese Speiche oben, mal jene, das Rad dreht sich weiter und weiter und zerdrückt die am Boden".

"Es ist ein schöner Traum, das Rad anzuhalten", entgegnet der Zwerg, der in Windeseile vom Geiselgeschenk zum Chefberater der Drachenmutter aufgestiegen ist: "Doch Sie sind nicht die erste Person, die diesen Traum gehabt hat."

"Ich werde das Rad nicht stoppen", sagt Daenerys, "ich werde es zerbrechen".

Da redet eine wahre Sozialrevolutionärin, die die Sklaven von Essos befreit hat und in ihnen ihre Gefolgsleute sieht, wider den Adel von Westeros, den sie zu stürzen gedenkt, in einer der nächsten Staffeln von Game of Thrones, darf man vermuten. Ihr eher Reformen zugeneigter Einflüsterer Tyrion indes glaubt, man brauche die Adligen letztlich doch zum Regieren. Mit den niederen Ständen allein habe das ja nicht so gut funktioniert für Daenerys in letzter Zeit.

Tyrion hat offenbar schon im Fantasy-Mittelalter das Kommunistische Manifest gelesen, in dem unter anderem vom Rad der Geschichte die Rede ist und davon, dass die in Game of Thrones sträflich unterrepräsentierten Mittelstände, "der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer", die Bourgeoisie bekämpften, "um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen".

Und Tyrion, dieser modernste, weil kaputteste Held der Serie, scheint auch bereits zu wissen, dass der Marxismus und dessen deterministischen Ideen vom historischen Materialismus dereinst auf dem Schutthaufen der Geschichte enden werden. Alles schön und gut, diese marxistische Analyse der Gesellschaftsformationen, die in Game of Thrones alle zeitgleich existieren und keineswegs einander ablösen: die Stammesgesellschaften, die Sklavenhaltergesellschaften, die antiken Städtegesellschaften und die feudalen Gesellschaften. Bloß der Kapitalismus ist noch nicht ausgebrochen in der Serie. Das kann ja aber auch noch kommen. Und mit Daenerys gibt es ja bereits eine echte Sozialistin. Nicht ganz eine Rosa Luxemburg, dafür sind die Herkünfte dann doch zu unterschiedlich. Luxemburg war Tochter eines Holzhändlers, Daenerys ist die eines verrückt gewordenen Königs. Doch nach allen Regeln der Fernsehfiktion droht Daenerys am Ende auch die Ermordung durch ihre Feinde. Aber wer weiß?

Tyrion indes barmt: Ob sich Daenerys nicht ein anderes Ziel aussuchen könne, als ausgerechnet den Eisernen Thron besteigen zu wollen? Man muss ihn verstehen, er möchte sich, nachdem er nicht mehr unmittelbar mit dem Tode durch Exekution bedroht ist, lieber wieder seinen alten Hobbys zuwenden, Wein, Weib und Gezänk. Doch Daenerys bescheidet ihm: "Wenn ich Witze hören wollte, hätte ich mir einen ordentlichen Hofnarren besorgt."