Der Mythos vom Künstler zwischen Genie und Wahnsinn – Brian Wilson scheint ihn perfekt zu verkörpern. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre komponiert er für die Beach Boys einen Hit nach dem anderen. Mitte der 1960er erweitert er die Formensprache der Popmusik maßgeblich und verliert sich schließlich – von Drogen und Psychosen zerrüttet – in den Weiten seiner Klangexperimente. Zwanzig Jahre später ist er ein Wrack: Von Psychopharmaka gezeichnet wird er von einem fragwürdigen, geltungs- wie geldsüchtigen Therapeuten bis zum Verlust seiner Identität manipuliert.

Bill Pohlad erzählt in Love & Mercy zwei einschneidende Episoden aus dem tragischen Leben von Brian Wilson. Im ersten Teil spielt die Musik eine entscheidende Rolle, im zweiten die Liebe. Pohlad erzählt seine Geschichte nicht linear, sondern springt zwischen den Ereignissen Mitte der 1960er Jahre und denen Mitte der 1980er Jahre impulsiv hin und her. Der Kontrast zwischen dem musikalischen Genie, das zunehmend die Bodenhaftung verliert, und der ferngesteuerten Körperhülle, zu der Wilson mutiert, könnte kaum schockierender wirken.

Wilson wird von zwei verschiedenen Darstellern verkörpert: Paul Dano sieht dem jungen Brian durchaus ähnlich, während John Cusack als Brian in seinen Vierzigern weder mit Dano noch mit Wilson größere Ähnlichkeit hat. Pohlads Kunstgriff funktioniert: Der Vierzigjährige hat mit dem jungen Brian nichts mehr gemein, wirkt eher wie ein verängstigtes Kind als der meisterlicher Studiowizard, der während der Produktion von Pet Sounds 1965/66 noch eine Heerschar Profimusiker mit seinem Perfektionismus traktierte.

Dabei beginnt das Drama als märchenhafte Erfolgsgeschichte. Mit ihrer sonnigen Version des Rock'n'Roll vertonten die Beach Boys das sorglose Teenagerleben der Nachkriegszeit und besangen Mädchen, Autos und das Strandleben in Kalifornien. Drei Alben jährlich entstanden zwischen 1963 und 1965, zehn Top Ten Hits. Doch der gerade mal zwanzigjährige Brian Wilson hielt der Belastung, zugleich Komponist, Produzent und Tourmusiker zu sein, nicht lange stand. Nach einem ersten Nervenzusammenbruch gab er die Livemusik zugunsten der Arbeit im Studio auf und widmete sich ganz seinen zunehmend komplexen Kompositionen.

1964 trennte Brian sich von seinem Manager Murry Wilson, seinem Vater, der ihn und seine Brüder Carl und Dennis, zeitlebens physisch wie psychisch terrorisierte. Das gab Brian mehr Freiheiten, seinen labilen Zustand heilte dieser "Vatermord" jedoch nicht. Beinahe manisch arbeitete Brian daran, das 1965 erschienene Beatles-Album Rubber Soul zu übertreffen. Das Zusammenspiel von Drogen, Wilsons psychischer Labilität und seinem unbedingten Erfolgswillen führten Mitte der 1960er Jahre gleichermaßen zu Wilsons musikalischen Meisterwerken wie zu seinem tragischen Absturz. Mit dem Studio-Album Pet Sounds brachten die Beach Boys es mit einer Unzahl von Studiomusikern, komplexen Arrangements und unkonventionellen Sounds, die an die Musique Concrète erinnern, zu musikalischen Höchstleistungen. Doch mit der schwindenden Fähigkeit, seinen Alltag zu bestreiten, entglitt Brian auch sein kompositorisches Vermögen. Das Album Smile, das der Nachfolger von Pet Sounds und wiederum die Antwort auf Revolver von den Beatles werden sollte, wurde nie fertiggestellt. Dessen Krönung hätte die aus unzähligen Takes zusammengeschnittene Nummer-Eins-Single Good Vibrations werden sollen. Produktionstechnisch ist das Stück eine Musikcollage. Wilson nannte die bis dato teuerste Singleproduktion der Geschichte eine "Teenage Symphony to God". Sie spiegelt nicht nur die quasi-religiösen Drogenerfahrungen des jungen Brian, sondern ihre aus unzähligen Teilen zusammengesetzte Struktur erscheint im Nachhinein wie das Klangbild seiner zerbröckelnden Identität.