Streichermusik, tobende Wellen, Wind, und ein, nein, viele Leichenfunde in schwindelnden Höhen auf einer Windradplattform. Was für ein fulminanter Start in den Arbeitstag für die Bremer Mordkommission. Die Opfer: gefiedert und zerschreddert. Der Täter: Ein Großindustrieller, der mit Strom aus dem Offshore-Windpark die Welt doch nur ein bisschen besser machen will. Blöd, dass Nacht für Nacht Zugvögel von den blinkenden Warnleuchten angelockt werden und an den rotierenden Flügeln der Ökostromgiganten verenden. Blöd auch, dass wegen der Windradfundamente im Meer Schweinswale schnell die Orientierung verlieren.


Ganz schnell, so viel ist den Kommissaren klar, kann man angesichts dieser Sachlage selbst als Umweltschützer zum Windkraftgegner werden. Nur eins ist schwierig: Welche Grenzen dürfen beim Weltretten überschritten werden? Wie viele Anwälte hat die Natur? Und für wen soll man, von der Fernsehcouch aus, bei diesem Chaos an Motiven und Idealismen überhaupt Partei ergreifen?


In Wer Wind erntet, säht Sturm tritt kein Charakter ohne Ambivalenzen auf. Abgesehen vielleicht von Giovanni di Lorenzo, der unzweideutig als Giovanni di Lorenzo auftritt. Das Autorenteam um Wilfried Huismann zeigt Öko-Aktivisten mit Blut an den Fingern, Windmüller mit Finanzproblemen und eine sekttrinkende Meeres-Mafia …  


Während die Kommissare Lürsen und Stedefreund sich ob dieser Nuancen arg den Kopf zerbrechen, greifen Regie und Kamera in die Vollen. Windverwehte Meerfahrten mit dem Motorboot, von oben, von Nahem, von Weitem. Kreischende Möwen, kulleräugige Robbenfamilien. Aus der Nähe. Aus der Ferne. Atemberaubende Kletterausflüge im Offshore-Park. Und leitmotivisch: Viel emotionskratzende Streichermusik.


So gesehen bleibt der Tatort, trotz schön durchrecherchiertem Kern, trotz Motiven, die weitergedacht werden können, doch vor allem Inszenierung. Oder erkennt man einen Umweltaktivisten im echten Leben tatsächlich am balladenhaft-geschliffenen Pathos in der Stimme?


Auch die Skype-Telefonate, die der seelenlos boshafte Hedgefondsmanager mit seiner Großmutter führt, stoßen für manchen Zuschauer an die Grenze der Glaubwürdigkeit.  


Es ist ein Tatort der Weisheiten. Bei blauem Himmel und Sonnenschein lernen wir, dass zur Vergabe von Nachhaltigkeitssiegeln viel Korruption gehört, und zu Spendengeldern viel PR-Psychologie. Und wie ungeahnt schwer es ist, die Welt in einer Sache besser zu machen, ohne sie an anderer Stelle zu verschlechtern.


Am Ende haben all die Leichen, haben zerdepperte Gitarren, brennende Zelte und falsche Kofferbomben nur einen marginalen Effekt auf die Welt gehabt: 813 Klicks und ein Video, das nur 10 Minuten online war. Die Wahrheitssuche bleibt übrigens auch im echten Leben kompliziert: Energieriesen und Umweltschützer haben den Tatort am Second Screen verfolgt. Und ihre Faktenchecks fallen, nun ja, ziemlich verschieden aus …