Wer anhebt, über den deutschen Film zu sprechen, sieht rollende Augen und hört Stoßseufzer. Das Bild ist mies, jeder hat etwas anderes zu bemängeln: zu freudlos, zu verkopft oder doch zu sehr am Massengeschmack ausgerichtet. Das Münchner Filmfest, dessen 33. Ausgabe am Samstag mit einem Publikumsrekord von mehr als 80.000 Besuchern zu Ende ging, richtet sein Interesse seit jeher verstärkt aufs Neue Deutsche Kino. Die Festivalleiterin Diana Iljine sieht in der Sektion Neues Deutsches Kino die "Glanzreihe" der neuntägigen Veranstaltung. Diese Fokussierung aufs einheimische Kino mag zuvorderst dem limitierten Budget geschuldet sein, doch was aus dieser Beschränkung erwächst, konnte sich in diesem Jahr sehen lassen.

Natürlich gibt es den deutschen Film im Sinne einer einheitlichen Schule gar nicht. Zum Glück nicht. Wie zum Beweis boten die 18 als Weltpremieren gezeigten Produktionen eine in fast jeder Hinsicht gewaltige Bandbreite, Sektionsleiter Christoph Gröner hatte ein wunderbar weites Feld bestellt: vom dystopisch-düsteren Thriller in Hochglanzoptik (BOY 7) bis zur nüchternen Studie über eine Kolonie von russischstämmigen Deutschen in Paraguay (Dem Leibe dieses Todes), von der vergnüglich-bösen Consulting-Satire (Outside the Box) bis zur Doku über Anarchisten und Aktivisten in Athen, Katalonien und München (Projekt A), die – von leiser Sympathie für ihre Protagonisten getragen – am Ende den Publikumspreis gewann.

Die größte Aufmerksamkeit zog indes Dietrich Brüggemanns Neonazi-Farce mit dem krachenden Titel Heil auf sich. Ein dunkelhäutiger Buchautor wird darin durch einen Schlag auf den Kopf zum gefügigen Nachplapperer rechter Parolen. Nach dem so protestantisch inszenierten Katholizismus-Drama Kreuzweg gleicht Brüggemanns neuer Film nun einer überdrehten Nummernrevue, in der jeder noch so platte (und auch mancher feinsinnige) Naziwitz seinen Platz findet. Das ist streckenweise ziemlich unterhaltsam, etwa wenn die Satire auch mal das rechte Lager verlässt und sich über die Medienlandschaft hermacht, gerät auf Dauer aber ermüdend – und bei Weitem nicht so provokant, wie man es auf Seiten der Produzenten wohl gerne hätte. Über tumbe Rassisten zu lachen, ist glücklicherweise dann eben doch Konsens.

Keine Chance für Einzelkämpfer?

Denkbar weit entfernt von Heil liegt das Spielfilmdebüt Babai ("Vater") des in Priština geborenen und in Köln ausgebildeten Regisseurs Visar Morina. Das im Kosovo der frühen 1990er Jahre angesiedelte, gänzlich unprätentiöse Vater-Sohn-Flüchtlingsdrama erhielt drei der vier Förderpreise und darf damit als großer Gewinner unter den deutschen Produktionen gelten. Neben Morinas Regie und Drehbuch wurden die beiden Hauptdarsteller ausgezeichnet, Astrit Kabashi als Vater sowie Val Maloku als zehnjähriger Sohn. Lange Einstellungen und eine ritualisierte, mitunter versagende Sprache: In seiner spröden Art erinnert der Film an den türkischen Berlinale-Sieger Bal – Honig von 2010. Der Jury-Entscheidung für Babai wohnt ein starker Wille zur Symbolik inne, schon der Eröffnungsfilm Den Menschen so fern durfte als Metapher auf das Schicksal von Flüchtlingen und als stilles Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Umgang mit Fremden gelesen werden.

Über den vermeintlich schweren Stand des deutschen Films sprach derweil Edgar Reitz, der 82-jährige Grandseigneur und Schöpfer der Heimat-Trilogie, im Rahmen einer Podiumsdiskussion. Von seinen bis zu fünfzig Jahre jüngeren Kollegen forderte er den Zusammenschluss: "Wir waren nicht klüger als ihr, wir waren auch nicht fantasievoller, aber wir haben einfach den Schritt getan, als Generation aufzutreten." Die widrigen Mächte seien heute gewaltig, sagte Reitz, etwa in Form eines eingefahrenen Fördersystems oder des Fernsehens. Seine eigene Erfahrung habe ihn gelehrt: "Wenn eine Generation etwas will, kriegt sie es." Keine Chance also für Einzelkämpfer?

Angesichts der erfrischenden Vielschichtigkeit der deutschen Produktionen möchte man vehement widersprechen. Nein, es mangelt deutschen Filmemachern weder grundsätzlich an Ideen und Mut noch am Durchsetzungsvermögen: Marie Wilke gelang zum ersten Mal überhaupt ein unzensierter filmischer Blick in die deutsche Polizeiausbildung; Florian Cossen drehte seine an Juno oder Garden State erinnernde Indie-Komödie Coconut Hero zum größten Teil im kanadischen Niemandsland; Annika Blendl und Leonie Stade begleiteten zweieinhalb Jahre lang das Justizopfer Gustl Mollath – neben ihrem Studium der Dokumentarfilmregie.

Einige der jungen Regisseure präsentierten mit ihren Werken gleich auch die eigene Produktionsfirma, etwa Blendl und Stade mit ihrer Man on Mars Filmproduktion oder Axel Ranisch mit der Sehr gute Filme GmbH. Vielfalt wird möglich durch unabhängiges Arbeiten und durch eine eigene Handschrift; bemerkenswert war in diesem Zusammenhang auch, wie viele gelernte Künstler ihre Filme vorstellten: Franz Müller als Meisterschüler Gerhard Richters, Lutz Dammbeck als studierter Grafikdesigner, Rudolf Domke als ausgebildeter Steinbildhauer und Achim Bornhak alias AKIZ, dessen albtraumhafter Nachtmahr mit seiner extremen Weitwinkelperspektive, dem narkotischen Strobogewitter und Elektro-Soundtrack das ästhetisch reizvollste Werk der Reihe war.

Den größten Rausch aber bescherte im 500. Jahr des Reinheitsgebotes Alki Alki, das neue Glanzstück des Impro- und German-Mumblecore-Meisters Axel Ranisch. Die Idee hinter der Tragikomödie scheint simpel, entpuppt sich jedoch als Glücksgriff. Architekt und Familienvater Tobias ist Alkoholiker, seine Sucht ganz real: in Gestalt seines Kumpels Flasche. Nur sichtbar für Tobias (und den Zuschauer) animiert Flasche ihn ständig zum gemeinsamen Saufen und schläft nachts sogar mit im Ehebett. Wie furchtlos und gekonnt Ranisch hier zwischen seinem gewohnten Wahnwitz und einer neuen Ernsthaftigkeit balanciert, wie kongenial Sucht und Süchtiger von den ehemaligen Alkoholikern Peter Trabner und Heiko Pinkowski verkörpert werden, wie spielwütig Iris Berben die Russin Galina Iwanowna Schnurkinowa gibt und wie stimmig Robert Gwisdek als Troubadour das Geschehen musikalisch untermalt: All das ist fulminant und unbedingt sehenswert – Kinostart im November – und es zeigt: Solange auch solch abseitigeren Werke entstehen, die Festivalsäle füllen und einen Verleih finden, kann es nicht so schlecht bestellt sein um die deutsche Filmindustrie.

Kino - Filmtipp: "Familienfieber" von Nico Sommer Aus einer geplanten Familienzusammenführung im ländlichen Brandenburg wird ein Wochenende voller Überraschungen. Nico Sommers hinreißende Beziehungskomödie zeugt von der Lebendigkeit des deutschen Kinos.