Angela Merkel ist jetzt auch bei Instragram. Und bei Facebook. Obwohl sie sich eigentlich gar nicht so viele Gedanken um ihr Image macht. Was natürlich die Frage aufwirft, was sie dann eigentlich da treibt, bei Instagram und Facebook. Ihre drollige Antwort: Bürgerdialog. Und das war noch nicht einmal das lustigste Missverständnis in dem Interview, das der 27-jährige YouTuber Florian Mundt alias LeFloid gerade mit Angela Merkel geführt hat.

Florian Mundt, dessen YouTube-Kanal LeNews 2,5 Millionen Abonnenten hat, wurde vom Internet ins Kanzleramt entsandt, um dort endlich die schmerzhaften Fragen zu stellen, die von den abgehalfterten Profijournalisten nicht mehr gestellt werden. Eine Woche lang liefen Tausende Fragen unter dem Hashtag #netzfragtmerkel ein. Mundt, das klang immer wieder an, sollte die Kanzlerin endlich mit den Problemstellungen konfrontieren, die sonst von den schlauesten Schlauköpfen der Republik immer genau dort ausverhandelt werden, wo es Politiker garantiert nicht mitbekommen: auf Twitter.

Was hier wahrscheinlich die meisten wissen: Auf Twitter haben sich Merkel-Begriffe wie Neuland und Bauchgefühl zu hochgradig toxischen Stichworten entwickelt, die man nur in die Runde werfen muss, um die eingeübten Wortgefechte, Verbrüderungsgesten und Nachbarschaftseklats vom Zaun zu brechen. Mit "Neuland" hatte Merkel einmal das Internet gemeint und mit ihrem "Bauchgefühl" hatte sie bei anderer Gelegenheit ihre Ablehnung der Homo-Ehe begründet.

Florian Mundt glaubte nun fatalerweise, dass diese Begriffe bei der Kanzlerin irgendetwas auslösen würden. Er benutzte das Social-Media-Codewort Bauchgefühl, um auf ihren vermeintlich willkürlichen, irrationalen Regierungsstil anzuspielen. Bei der deutschen Kanzlerin kam aber nur an, dass hier jemand gefühlig die Privatperson hinter der Funktionsträgerin herauskitzeln möchte. Und das ist für Interviewprofis wie Merkel natürlich die allerleichteste Übung.

Über die Dichotomie von privatem Bauchgefühl und dienstlicher Fraktionsdiziplin kann man vortrefflich seitenlange Interviews geben, in denen nichts steht, das beweisen die Bunte und die Bild der Frau immer wieder, wenn sie mit sogenannten starken Frauen reden. Und auch dieses Mal hat das buzzword Bauchgefühl bei Merkel den Interviewautopiloten ausgelöst: Sie brachte das Gespräch in einer Art meditativem Halbschlaf nach Hause, während sie gleichzeitig für den nächsten Eurogipfel vorschlief. Für Angela Merkel sind solche Interviews Freizeit.

Reales Außenleben

Sie verbrachte die Hälfte dieses Interviews damit, routiniert zu erklären, dass sie gerne arbeite, Privatheit gut finde und auch mal schlechte Laune habe. Und auf der Straße schon auch erkannt werde. Was aber natürlich dazu gehöre. Und auch verständlich sei. Hätte Florian Mundt noch zehn Minuten mehr Zeit gehabt, vielleicht hätte er ihr noch das Rezept für ihr Templiner Rhabarberkompott entlocken können. Welche Frage einen allerdings wirklich interessiert hätte: Wie schaffen Sie es eigentlich, immer so entwaffnend Gaststätte statt Restaurant zu sagen?

Merkel konnte kaum verbergen, dass sie sich nicht einem Vertreter einer kritischen digitalen Öffentlichkeit von Habermas'scher Prägung gegenüber sah, sondern dem lustigen Florian aus dem Kinderfernsehen. Und sie hatte auch zu keiner Sekunde einen Grund, etwas anderes anzunehmen: Beschäftigt Sie der wachsende Nationalismus? Im Internet benähmen sich die Menschen schlechter als im "realen Außenleben". Aber wäre es nicht einleuchtend, dass alle heiraten dürfen, wen sie wollen? Da gebe es halt unterschiedliche Ansichten und das müsse man dann auch mal aushalten können. Okay, aber finden Sie die Arbeit von Whistleblowern wichtig? Sie könne sich persönlich so eine Tätigkeit nicht vorstellen. Das erste Interview, das Merkel dem Internet je gegeben hat, hätte sie auch dem Kika geben können.

Gefällig und reichweitenstark

An einer Stelle bemerkt sie, dass sie sich theoretisch auch einfach einen eigenen YouTube-Kanal aufbauen könnte, in dem sie sich von ausgesuchten Interviewern vorbereitete Fragen stellen ließe. Das könnte aber, so Merkel, Probleme geben. Eines davon: Im ganzen Land fände sich wahrscheinlich kein gefälligerer und gleichzeitig reichweitenstarker Interviewer als Florian Mundt, weshalb man ihn einstellen müsste, wenn er es nicht kostenlos machen würde, um kritische Distanz zu simulieren.

Am Ende war dieses Interview, das von vielen vorab zu einem mediengeschichtlichen Epochenbruch aufgebaut wurde, vor allem für Florian Mundt und Angela Merkel von Nutzen: Beide haben sich gegenseitig einem Publikum zugeführt, das den jeweils anderen vor diesem Gespräch höchstens vom Hörensagen kannte. Früher hat man sich untereinander schwarze Koffer zugeschoben, heute Communities. Ein paar Follower, Abonnenten, Likes sind auf jeden Fall abgefallen. Der Erfolg wird messbar gewesen sein. Eine passable Bilanz für eine halbe Stunde Small Talk in der parlamentarischen Sommerpause.