Mit einer Serie ist es ein bisschen wie mit einer Beziehung. Wenn es gut läuft, ist man im ersten Jahr heftig verliebt. Das Neue fasziniert, man will keinen Moment verpassen. Doch irgendwann wird vieles erwartbar. Die Zuneigung bleibt, bloß ist man manchmal zu erschöpft für große Ekstase.

Auf die Doku-Serie Make Love trifft das doppelt zu, denn sie ist eine Serie über Beziehungen, genauer: über Sex in Beziehungen. Die Sexologin Ann-Marlene Henning begleitet Paare, deren initialer Sex-Rausch der Vergangenheit angehört, bei der Neuentdeckung ihrer Lust. Zwei Jahre lang tat Henning das im MDR. Für die nun anstehende dritte Runde ist sie mit ihrem Team zum ZDF gewechselt. Zum Abschied sagte der MDR-Unterhaltungschef Peter Dreckmann, was man sagt, wenn man nicht mehr miteinander konnte: "Die Serie hat schon viele Probleme des Beziehungs- und Sexlebens gezeigt. Wir fanden, dass sie keine neue Staffel braucht."

Im Zentrum der Serie steht die gut gelaunte Ann-Marlene Henning, eine gebürtige Dänin, die in Hamburg auch Paare in Sexfragen berät, wenn das Fernsehen nicht dabei ist. Gemeinsam mit der Journalistin Tina Bremer-Olszewski hat sie 2012 das Aufklärungsbuch Make Love für Jugendliche veröffentlicht, 2014 folgte die Erwachsenen-Version Make More Love. Beides ist sexuelle Ratgeberliteratur auf der Höhe der Forschung, die viel Wert auf die Gleichberechtigung der Geschlechter legt.

Vor der Kamera zitiert Henning gern Statistiken. Die aktuelle: 75 Prozent der Deutschen fühlen sich in ihrer Beziehung nicht verstanden – und bittet damit gewissermaßen ganz Deutschland zu sich auf die Couch. Für die Problemlösung fährt sie oft raus zu den Holsteiner Landfrauen, einer Gruppe Damen über 60, die ihre erfahrene weibliche Sicht mitteilen. Das Pendant hierzu sind wechselnde "typische Männergruppen", diesmal: Fußballer und Biker, die mit Henning über männliche Ideale diskutieren.

Die große Aufregung, die die Serie anfangs auslöste – es hieß, öffentlich-rechtliche Sender hätten nun Pornos im Programm –, ist längst vorüber. Man weiß jetzt: Make Love ist eine unaufgeregte Sendung über Paare, die Probleme im Bett haben, welche sich meist als Schwierigkeiten im Alltag herausstellen. Die Paare plaudern, ziehen sich aber vor der Kamera nicht aus. Das machen andere für sie: Auf dem iPad zeigt Henning Modellpärchen beim Aufklärungssex – mit seltenen Close-ups auf Geschlechtsteile, und diese stets weich gezeichnet. Pornografisch – also im beabsichtigten Sinn erregend – ist daran wirklich nichts.

Therapeutische Kraft

Spannend anzusehen ist der Sex trotzdem. Auch der Kulturchef des ZDF, Peter Arens, wollte die Serie nicht aufgeben. Für ihn hat Make Love "therapeutische Kraft" und "gehört deswegen vor ein größeres Publikum". Tatsächlich liegt die Faszination dieser Serie im Alltäglichen, in dem, was immer wieder zur Sprache kommt. In der neuen Staffel erzählen Daniela und Fritz, die seit 11 Jahren ein Paar sind und einen gemeinsamen Sohn, aber wenig Zeit füreinander haben, vom Leistungsdruck: Beide haben die Befriedigung des anderen im Blick, vergessen darüber aber, was sie selbst wollen.

Sie sind nicht das erste Paar, das diese Geschichte erzählt. Vom Stress, "beim Sex etwas beweisen zu müssen", sprachen schon einige Rugbyspieler und eine junge Frau in der ersten Staffel. Vor allem Männer leiden offenbar darunter, wenn Frauen konkret einfordern, was wie wollen. Die Serie verdeutlicht hier ein emanzipatorisches Ungleichgewicht: Während Frauen gelernt haben, ihre Lust zu artikulieren, haben sich viele Männer in klischeehaften Vorstellungen von Männlichkeit verhakt. "Ich denke immer, ich muss im Bett zeigen, dass ich ein ganzer Kerl bin, aber abends bin ich oft erschöpft, das habe ich ja schon den ganzen Tag getan", erzählt Fritz. Im Job, in der Familie oder im Bett zu enttäuschen – die Angst davor vertreibt seine Lust.  

Festgefahrener Sex ist nicht harmlos

Bei der Sexologin lernt Fritz, dass man guten Sex nicht am Orgasmus misst. Fritz hat manchmal einfach nur Lust zu küssen. "Mir Zeit lassen, nicht auf etwas zusteuern", wünscht er sich – statt Penetration. Ann-Marlene Henning nennt es: "über die Entspannung in die Erregung kommen". Das heißt nicht, dass nun stundenlange Massagen anstehen. "Aber wenn ein Paar es schafft, sich vom Leistungsdruck zu verabschieden, entstehen neue Möglichkeiten."

Solche Einsichten sind dem größeren Publikum wohl zuzumuten, auf das Make Love – nach seiner Randexistenz in einem Dritten – beim ZDF nun trifft. Die gewohnte Pädagogik des deutschen Fernsehens also, könnte man meinen. Doch in diesem Fall ist sie verzeihbar, angemessen gar, weil die Methode zum Thema passt: Sex in der Ehe ist keineswegs harmlos, wenn er festgefahren ist und Menschen darunter leiden.  

Die neuen Folgen von "Make Love" laufen am 28. Juli um 22.15 Uhr und am 4. August um 22.45 Uhr im ZDF.