Mit Mitte 70 hat man die Kämpfe des Lebens überstanden. Zeit, behaglich auf das Erreichte zurückzuschauen und zu genießen. Denkt man vielleicht als Jungspund, der keine Ahnung vom Altwerden hat. Jacob Kaplan (Héctor Noguera) weiß es besser. Er hat mit seinen 76 Jahren nichts Besseres zu tun, als sich vor den versammelten Mitgliedern seiner jüdischen Gemeinde in Montevideo lächerlich zu machen. Weil er sich und den anderen beweisen will, dass er schwimmen kann, springt er vom Drei-Meter-Brett in den Pool. Kurz darauf muss seine Frau im Abendkleid hinterher stürzen, um ihn zu retten.

Mit dieser wunderbar verschrobenen Sequenz eröffnet der uruguayische Regisseur Álvaro Brechner seinen Film Señor Kaplan, der Mitte der neunziger Jahre spielt. Sie beginnt damit, dass Jacob und Frau beim Festessen mit viel zu niedrigen Stühlen vorlieb nehmen müssen und gerade eben über den Tischrand schauen können; und sie endet mit ihrer pitschnassen Flucht im Auto, auf der Jacob auch noch den Wagen eines Freundes rammt. Doch was als herrliche Slapstick-Komödie beginnt, entwickelt sich zu einem rührenden Drama über einen alten Mann, der mit seinem Leben noch nicht abgeschlossen hat. Schließlich handelt Jacob nur deshalb plötzlich so merkwürdig, weil er sich Fragen stellt. Vor allem die: Was habe ich in meinem Leben erreicht?

Als Kind floh er aus seinem Geburtsland Polen vor den Nazis nach Südamerika. Dort heiratete er, gründete eine Familie und führte ein durchschnittliches Leben. Wo ist die große, sinnstiftende Heldentat? Jacob beschließt, dass es dazu noch nicht zu spät ist. Als er von seiner Enkelin erfährt, dass am Strand ein Mann einen Imbiss betreibt, den alle nur "den Deutschen" nennen, ist er sich sicher, dass seine Stunde gekommen ist und der Mann ein untergetauchter Nazi-Verbrecher. Diesen zu enttarnen, zu kidnappen und nach Israel zu bringen, soll ihm Wilson (Néstor Guzzini), ein Freund der Familie helfen.

In Wahrheit ist dieser Wilson ein ziemlich kaputter Typ, der jeden Abend mit seiner Bierflasche am Flipperautomaten steht, getrennt von seiner Familie lebt, einfach nur ein wenig Geld verdienen will und die Entschlossenheit Jacobs völlig unterschätzt.

Ihre "Ermittlungen" führen die beiden immer wieder in absurde Situationen und recht schnell wird klar, dass der Möchtegern-Detektiv im Rentenalter eher Wahnvorstellungen als echten Spuren folgt. Brechner filmte das Ganze in flirrenden Bildern voller Sommerhitze und Strandatmosphäre, doch der Regisseur lässt seinen Film nie auf das Niveau einer überdrehten, albernen Buddy-Komödie abrutschen. Tatsächlich nutzt Brechner die Konventionen der Komödie nur, um sehr genau und voller Sympathie von zwei Männern zu erzählen, die sich verrannt haben. Auf wunderbar leichte Weise verbindet er robusten Witz mit einer schwer melancholischen Bestandsaufnahme seiner Heimat.

Damit reiht sich Señor Kaplan ein in eine Reihe von Komödien aus Südamerika, die eben das tun: Sie werfen in der Form der Komödie einen bohrenden Blick auf ihre jeweilige Gesellschaft. Mal geschieht das mit zurückgenommener Melancholie wie in der ebenfalls aus Uruguay stammenden Coming-of-Age-Komödie Tanta Agua – Nichts als Regen, die es 2013 in die deutschen Kinos schaffte und in der der famose Néstor Guzzini mit seinem traurigen Gesicht ebenfalls eine Hauptrolle spielte. Ebenfalls 2013 wurde die Chilenin Paulina García für ihre Darstellung der Gloria, einer kampflustigen Endfünfzigerin, auf der Berlinale ausgezeichnet, und in der argentinischen Farce Wild Tales – Jeder dreht mal durch, die 2014 in Cannes im Wettbewerb lief, entlädt sich in sechs Episoden die ganze Wut der Bürger über Missmanagement und Behördenwillkür. Dank seines tiefschwarzen Humors avancierte der Film im vergangenen Jahr zum Arthouse-Hit. Und am 3. September läuft mit Sommer mit Mamã eine Komödie aus Brasilien an, die pointiert anhand der Geschichte einer Haushälterin von den dort bestehenden Klassenunterschieden erzählt.

Es ist dieses Interesse an grundlegenden Fragen des Lebens, die die Komödien aus Südamerika ausmachen und herausheben. In Señor Kaplan geht es nicht nur darum, wie wir mit uns selbst ins Gericht gehen, wie wir Bilanz ziehen am Ende eines Lebens. Es geht um Fragen der Identität und die Flüchtigkeit dieses Lebens selbst. Dabei hat Álvaro Brechner auch von persönlichen Erfahrungen erzählt: Sein eigener Großvater stammt aus Polen und flüchtete nach Uruguay. So wird aus einem deftigen Lustspiel eine bewegende Fabel darüber, dass wir das, was unserem Leben Sinn verleiht, so oft nicht sehen – obwohl es direkt vor unseren Augen liegt.