Don Giovanni als mieser Macker und Dealer am dreckigen Rand von New York – es ist glatt 35 Jahre her, seit Regisseur Peter Sellars ein Zentralwerk des Musiktheaters in die Gegenwart katapultierte und damit einen Prozess beschleunigte, der spätestens mit Patrice Chereaus Bayreuther Ring von 1976 in die breite Diskussion geraten war. Die Aktualisierung, Politisierung, Neudeutung, Psychoanalyse des komplexen Genres "Oper" hat längst ihre eigene Geschichte, an deren Anfänge jetzt ein neuer Opernfilm denken lässt. Giacomo Puccinis La Bohème, in gegenwärtige Studentenkreise verlegt – das wäre, für sich genommen, nur Schnee von vorgestern.

Aber Lilien im Winter, wie die 90 Minuten im deutschen Verleih heißen, ist eine südafrikanische Produktion. Aus dem Paris des 19. Jahrhunderts ist das heutige Kapstadt geworden, und dort denkt bei der Jahreszahl 1976 kein Mensch an Chereaus Bayreuther Ring, sondern an die blutige Niederschlagung eines Aufstandes, der sich gegen die rassistische Bildungspolitik des Apartheidregimes richtete. Seit 1995 ist der 16. Juni als "Youth Day" öffentlicher Feiertag, und an diesem Tag lernt nun der Dichter Lungelo (vormals Rodolfo) seine Mimi kennen, im Studentenwohnheim. Gesungen wird auf Xhosa, gesprochen auch; es ist eine Kreuzung aus Spielfilm und Oper.

Autor und Regisseur Mark Dornford-May, der 2005 für eine Carmen-Adaption einen Goldenen Bären errang, hat viel gekürzt, aber die Beziehungen der Personen so unhinterfragt gelassen, wie man sie zur Uraufführung 1896 sah: Vier sympathische Kreativhallodris, deren einer die Liebe seines Lebens in einer Frau findet, die unheilbar an Tuberkulose erkrankt ist. Bei uns eine historische Krankheit, in Südafrika die häufigste Todesursache: 50.000 Menschen sterben dort jedes Jahr an TBC. Eine von Hustenkrämpfen geschüttelte Botanikstudentin Mimi könnte es in Kapstadt also tatsächlich geben. Dass sie ihre Lage in diesem Film ernst genommen sähe, darf allerdings bezweifelt werden.  

Man könnte sich ja, wenn es schon um Aktualisierung geht, durchaus fragen, was schiefläuft in einem Land, in dem eine bekämpfbare Krankheit so viele Opfer fordert, und in dem die Kriminalität so hoch ist. Bei jährlich 50.000 Vergewaltigungen würde keine Studentin einen fremden Typen in ihr Zimmer lassen, wie Mimi es tut. Hier aber treten als Problem nur Stromausfälle zutage. Da muss einer dann eben mal die Treppe statt des Fahrstuhls nehmen, malt aber gleich ein smiley der Zuversicht ans beschlagene Fenster. Überhaupt dürfen sich alle fünf Studenten glänzende Zukünfte ausmalen. Dass sie von der Uni fliegen, liegt nur an einem eifersüchtigen, menschlich miesen Politiker.

Man hat den Eindruck, als dienten die durchweg schwarzen Darsteller auch der Außendarstellung ihres Staates. Dass freilich Südafrika derartig gute schwarze Sänger hervorbringt, wie es die Mimi von Busisiwe Ngejane, der Lungelo von Mhelekazi Mosea und ihre Kollegen sind, nicht zuletzt die grandiose Zoleka (vormals Musetta) von Pauline Malefane, zeigt, wie viel sich tatsächlich geändert hat. Dem musikalischen Selbstbewusstsein einer afrikanischen Kultur trägt derweil die Instrumentierung Rechnung: Statt eines Orchesters spielen die Musiker des Isango Ensemble ausschließlich auf Marimbas. Da treffen sich Europa und Afrika auf halbem Weg so politically correct wie nur möglich. So etwas öffnet wohl etliche Fördertöpfe, weitet aber kaum den Horizont.

Abendsonne auf einem Betonpfeiler

Das gelingt eher der Kameraführung von Matthys Mocke, der mit dokumentarischer Nüchternheit und leicht verstörenden Perspektiven arbeitet. Da schneiden vorbeirasende Autos den Blick auf die Protagonisten ab, die am Straßenrand Lilien für fünf Rand pro Bündel verkaufen, da rücken Alltagsdetails – ein Bus, ein Wartezimmer, ein paar shacks, Bretterbuden im Schnee, Abendsonne auf einem Betonpfeiler – auf eine Weise ins Bild, die sie nicht zur Kulisse macht, sondern eine große Weite und Traurigkeit spüren lässt. Da wird sogar Mimis gottvertrauendes Sterben unter einer Brücke glaubwürdig.

Ihre Geschichte, soviel sie unterschlägt, rührt aber auch deswegen an, weil diese Sänger und Schauspieler mit einer Intensität und Innigkeit agieren, die im bis zum Zynismus hochreflektierten Kulturbetrieb Europas nur noch selten erreicht wird. Die glauben wirklich noch an jähes Erwachen der Liebe zwischen erloschenen Kerzen, an ritterlichen Respekt und Träume von goldener Zukunft. So erleben wir in diesem Opernfilm ein Paradoxon: Die vermeintliche Aktualisierung führt zur afrikanischen Wiederentdeckung von Opas Oper mit ungebrochenen Rollenklischees, zeigt aber auch, warum die sich so hartnäckig hält: Als Gegenentwurf zu einer allzu komplexen, strapaziösen Realität.