Wenn die Haarspange nicht gewesen wäre, sagt Chieko Ryu, hätte sie ihre tote Mutter nicht erkannt. Als sie die Leiche am Tag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki fand, sei sie bereits verkohlt gewesen. "Ich fasste kurz an ihrem Fuß", sagt Ryu, "aber er ist sofort zerfallen – wie Sand". Die 86-Jährige lebt heute in einem Seniorenheim, und die Geschichte des Tages, der ihr Leben veränderte, hat sie dem ARD-Reporter Klaus Scherer erzählt. Jetzt zeigt die ARD seinen Dokumentarfilm Nagasaki: Warum fiel die zweite Bombe?.

In dem Film ist auch ein Foto zu sehen, das die damals 16-Jährige Ryu neben ihrer Mutter zeigt, es stammt aus dem Atombombenmuseum Nagasakis. Die Leiche, die inmitten einer Trümmerlandschaft liegt, hat nicht mehr viel mit einem Menschen gemein, das Bild erinnert an Szenen aus düsteren Science-Fiction-Filmen über einen verwüsteten Planeten, in denen Überlebende herumirren.  

Scherer sagt, dass er "nach 20 Jahren als Filmemacher nicht erwartet hätte", dass es ihm noch "so unter die Haut geht", wenn ihm Menschen ihre Schicksale schildern. Bei der Abschrift eines Interviews mit einer anderen Zeitzeugin – sie war zehn Jahre alt, als die Bombe auf Nagasaki fiel – habe er feuchte Augen bekommen.

In diesen Tagen jährt sich der Abwurf von Fat Man, wie die Erbauer die Nagasaki-Bombe nannten, zum 70. Mal. Fett war diese Bombe aus Plutonium insofern, dass sie doppelt so stark war wie die Uranbombe, die drei Tage zuvor, am 6. August, Hiroshima zerstört hatte. Die Opfer von Nagasaki seien stets zu kurz gekommen, sagt Scherer: "Es war ja nur die zweite Bombe." Auch deshalb sei es ihm wichtig gewesen, diesen Film zu machen.

Bis heute dominiere die Sichtweise, die Atombomben seien notwendig gewesen, um die Kapitulation Japans zu erzwingen, sagt Scherer. Die Historiker und Friedensforscher, die er in seinem Film versammelt hat, weisen die populäre These zurück. Sie erwähnen, dass die USA vor den Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki innerhalb von fünf Monaten bereits 66 andere japanische Städte teilweise zerstört hatten – und sie betonen die Bedeutung des 8. August 1945. An diesem Tag trat die Sowjetunion in den Pazifikkrieg ein, der 1937 mit einem Angriff der Japaner auf China begonnen hatte. "The bomb didn't beat Japan ... Stalin did", lautet die Überschrift eines Textes, den der Friedensforscher Ward Wilson 2013 für die Zeitschrift Foreign Policy geschrieben hat. Auch Wilsons Arbeit ist in den Film eingeflossen.

Widersprüchliche Berichte

Die Frage, warum eigentlich die zweite Bombe fallen musste, habe ihn schon lange interessiert, sagt Scherer. Nach den ersten Recherchen stellte sich aber auch bald die Frage, ob die erste wirklich notwendig gewesen sei. Er weist darauf hin, dass sich die Berichte der militärischen Wochenschauen von 1945 und 1946 widersprächen: Unmittelbar nach Kriegsende hieß es, schon "lange vor den Atombomben" sei die japanische Armee "kampfunfähig" gewesen. 1946, am ersten Victory Day, behauptete die Propaganda plötzlich das Gegenteil: "Japan war bereit, einen endlosen Krieg zu führen."

Scherer sagt, ein wichtiger Wendepunkt in der Debatte sei das 2005 von dem Historiker Tsuyoshi Hasegawa verfasste Buch Racing the Enemy: Stalin, Truman, and the Surrender of Japan gewesen. Im Film sagt Hasegawa, Stalin habe "Japans Kapitulation hinauszögern" wollen, um noch in den Krieg eintreten zu können, und Truman habe "Zeit gewinnen" wollen, um die Atombombe einsetzen zu können. Sein Kollege Peter Kuznick ergänzt, im Sommer 1945 habe Truman dank seiner Geheimdienstleute bereits seit Monaten gewusst, dass die japanische Armee am Ende sei.

Menschen als Versuchskaninchen

Warum also zwei Abwürfe? Die USA hätten einen milliardenschweren Aufwand betrieben für die Plutoniumbombe, obwohl sie ja bereits eine Uranbombe hatten, sagt Martin Sherwin. "Glauben Sie wirklich, das hätte nicht dazu beigetragen, sie auch einzusetzen?", fragt er Scherer. Der Friedensforscher Akira Kimura wirft den USA vor, sie hätten die Menschen in Hiroshima und Nagasaki als Versuchskaninchen benutzt – und verweist auf den makabren Umstand, dass die Bomben jeweils am frühen Vormittag abgeworfen wurden, also zu einem Zeitpunkt, zu dem sich viele Menschen im Freien befinden.

Peter Kuznick sagt sogar: "Hätten wir neben der Uran- und der Plutoniumbombe auch eine Thoriumbombe gehabt, wäre auch eine dritte Stadt bombardiert worden." An dieser Stelle wird der eine oder andere Zuschauer dem Filmemacher möglicherweise eine antiamerikanische Haltung unterstellen. Die Arbeit, die Scherer von 2007 bis 2012 als ARD-Korrespondent in Washington geleistet hat, weist eher auf das Gegenteil hin.

Scherer nimmt sich in Nagasaki: Warum fiel die zweite Bombe? viel Zeit für seine Interviewpartner, er presst nicht zu viel Material in die Dreiviertelstunde, die er zur Verfügung hat. Er findet die richtigen Balance zwischen emotionalen Passagen und harten, um nicht zu sagen: brutalen Fakten. Die Zeitzeugen verurteilen trotz allen Leids und bis heute spürbarer gesundheitlicher Folgen keineswegs nur die USA, sondern kritisieren auch die Haltung ihrer damaligen Regierung. Sie habe den Krieg in der Region nicht nur begonnen, sondern auch nicht rechtzeitig beendet – so der Tenor, der erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass die Kriegsverbrechen der Nation im eigenen Land immer noch tabu sind. "Dieses Augenmaß der Opfer von Nagasaki hat  mich beeindruckt", sagt Scherer, "Ich hätte nicht erwartet, dass sie so reagieren."   

"Nagasaki: Warum fiel die zweite Bombe?", 3. August, ARD, 23.45 Uhr (in der Mediathek ab 20.15 Uhr)

Wie die US Air Force die Folgen des Atombombenabwurfs über Hiroshima dokumentierte, zeigt dieses Video.

Die US Air Force über die Folgen der Atombombe von Hiroshima VIDEO: Nach dem Atombomben-Abwurf über der japanischen Stadt Hiroshima dokumentieren amerikanische Soldaten die Folgen – der Film der US Air Force zeigt die enormen Zerstörungen durch den Angriff. (2:57 Min)