"Der Tod" ist Teil von Segantinis berühmtem Alpentriptychon. © The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei.

Die Sonne ist eben aufgegangen und taucht die Spitzen der schneebedeckten Berge in flimmerndes Weiß. Eine große Wolke steht am Horizont – auch sie wird angestrahlt vom Morgenlicht. Der Holzzaun im Vordergrund liegt halb versunken im Schnee. Noch hat die Sonne die Hochebene nicht erreicht, sie liegt im milchigen Frühlicht. Rechterhand findet sich ein Bauernhaus. Davor eine Gruppe trauernder Frauen, alle in Schwarz. Eine Frau ist gestorben. Eben wird sie, in ein helles Tuch gehüllt, auf einer Bahre aus dem Haus getragen. Es ist eine eindrückliche Szene, an der Giovanni Segantini bis zu seinem frühen Tod mit nur 41 Jahren gearbeitet hat.

Der Schweizer Regisseur Christian Labhardt hat sich des Lebens Segantinis angenommen und ein Porträt über den Maler gedreht, das nun in die deutschen Kinos kommt. Dafür hat er zwischen aktuelle Aufnahmen der Lebensstationen Segantinis immer wieder dessen Gemälde und zeitgenössische Fotografien geschnitten.

Giovanni Segantini kam 1858 im damals österreichischen Arco zur Welt. Seine Kindheit war von großen Verlusten geprägt: Bereits kurz vor seiner Geburt starb sein Bruder bei einem Unfall, als er sieben Jahre alt war, starb seine Mutter. Sein Vater brachte ihn daraufhin zu einer Tochter aus erster Ehe nach Mailand und verstarb wenig später selbst. Segantini verbrachte seine Jugend großenteils sich selbst überlassen in der Wohnung seiner Halbschwester, brach mit 13 Jahren aus und lebte auf der Straße, bis er aufgegriffen und in eine Besserungsanstalt gebracht wurde. Dort erkannte ein Geistlicher sein großes künstlerisches Talent und förderte es. Segantini lernte, wie er mit Farben und Formen Gefühlen Ausdruck verleihen konnte.

Labhardt verwendet für seine filmische Biografie zwei Quellen: Auszüge aus den Aufzeichnungen Segantinis selbst, die von Bruno Ganz gelesen werden, und Teile des Romans Das Schönste, was ich sah, in dem Asta Scheib Segantinis Leben nacherzählt, gelesen von Mona Petri. Auf Interviews mit Kritikern oder Kuratoren sowie auf Einordnungen verzichtet Labhardt ganz. Stattdessen untermalt er sein Porträt mit Musik von Paul Giger und dem Carmina Quartett. Bilder, Texte und Musik ergeben durchaus ein stimmungsvolles Ganzes. Doch kommt der Film nur durch Segantinis eigene Worte, durch seine eigenen Bildern tatsächlich so nahe, wie Labhardt sich das wünscht?

Segantini war ein Künstler. Das, was Natur ist, galt ihm nie als Vollendung. "Die Materie jedoch muss durch den Geist bearbeitet werden, um zu ewiger Kunst emporzuwachsen", sagte er. Sein eigener Sohn Gottardo schrieb, als er das Leben seines Vaters zu einem Buch zusammenfasste: "Den richtigen Weg zwischen Dichtung und Wahrheit zu begehen dürfte nicht nur mir, sondern allen schwerfallen, die den Versuch machen, eine Biografie Giovanni Segantinis zu schreiben."