Wann hat sich der Traum des politischen Kinos zuletzt so erfüllt? Wo immer The Act of Killing in Indonesien gezeigt wird, spielen sich erschütternde Szenen ab. Der Film bringt Opfer zum Reden, Täter zum Schweigen und Politiker in Verlegenheit. Überlebende verneigen und Mitläufer fürchten sich vor ihm. Der Film zeigt Wirkung, er verändert vielleicht eine ganze Gesellschaft. Allerdings ließ die Polizei auch einige Aufführungen "vorsorglich" verbieten, andere wurden von rechten Schlägertruppen heimgesucht.

In The Act of Killing rührte der amerikanische Regisseur Joshua Oppenheimer vor drei Jahren an das schwärzeste Kapitel in der Geschichte Indonesiens, an die systematische Ermordung angeblicher Kommunisten. Fast eine Million Bürger, womöglich sogar mehr, fielen 1965 und 1966 einem staatlich betriebenen Massenmord zum Opfer. Bürgermilizen ließen Verdächtige einfach verschwinden, Todesschwadrone überfielen wie im Blutrausch ganze Dörfer und schlachteten die Menschen ab, die sie "Volksfeinde" nannten. Mit der Duldung Amerikas oder, wie einige Historiker sagen, mit seiner aktiven Unterstützung sorgte Präsident Suharto dafür, das Land von "linken Elementen zu säubern" und ein zuverlässiger Partner des glorreichen Westens zu werden, dem Hort von Freiheit und Menschenrechten.

The Act of Killing ist grauenhaft und für den Zuschauer kaum zu ertragen. Oppenheimer machte die Täter nämlich zu Regisseuren in eigener Sache, er lud sie ein, vor der Kamera ihre Verbrechen nachzuspielen und ihre Tötungsarten vorzuführen. "Die Helden der Nation", wie sich die Mörder selbst nannten, taten es mit Begeisterung, sie drehten den Film ihres Lebens und zeigten ihre Lust am Foltern und Töten, ohne jedes Schuldgefühl und immer noch stolz auf ihre "Zeit der Hackmesser".

Doch es gab auch Kritik an Oppenheimers Verfahren. Sein Reenactment gebe den Tätern zu viel und den Opfern zu wenig Raum, auch die Hinterbliebenen kämen nur am Rande vor. Mit seinem neuen Film reagiert Oppenheimer auf diesen Vorwurf. The Look of Silence handelt von der Familie Rukun auf Nord-Sumatra, deren Sohn Ramli 1965 von Paramilitärs verschleppt und ins Gefängnis geworfen worden war. Ein Killerkommando schaffte die Gefangenen kurze Zeit später an den Schlangenfluss und schnitt ihnen, einem nach dem anderen, mit der Machete die Gurgel durch. Nur Ramli Rukun gelang die Flucht, schwer verletzt rettete er sich nach Hause – vergeblich. Die Kommunistenjäger fanden ihn und versprachen den entsetzten Eltern, Ramli ins Krankenhaus zu bringen. Die Rukuns sollten ihren Sohn nie wieder sehen. Erst jetzt, vier Jahrzehnte später, erfuhren sie durch Oppenheimer, unter welch furchtbaren Umständen ihr Sohn starb. Die indonesischen "Freiheitskämpfer" warfen ihn auf den Lastwagen, töteten und verstümmelten ihn bestialisch.

Durch Zufall gelang es Oppenheimer, einige von Ramlis Verfolgern ausfindig zu machen und vor seine Kamera zu bringen. Wortführer ist ein älterer Mann, ein brutal leutseliger Prahlhans, der es gar nicht abwarten kann zu erzählen, was er für seine Ruhmesgeschichte hält. Leider, so bedauert er, habe er die Original-Mordwerkzeuge nicht zur Hand, sonst hätte er seine spezielle Tötungsmethode noch anschaulicher demonstrieren können. Allerdings, gibt er zu, habe er zwischendurch das Blut seiner Opfer trinken müssen, sonst wäre er verrückt geworden. "Ein Becher genügte", sagt er, schon habe der archaische Abwehrzauber seine Wirkung getan. "So ist das Leben hier auf Erden." Am Schluss bittet er Oppenheimer um ein Handy-Foto, macht das Victory-Zeichen, strahlt. Wir sehen einen glücklichen Menschen.

Nachdem die Familie Rukun durch Oppenheimer die Todesumstände Ramlis erfahren hat, ist dessen später geborener Bruder Adi, ein ernster, sanftmütiger Mann Mitte vierzig, sehr aufgewühlt. Oppenheimers Gespräche mit den Tätern lassen ihm keine Ruhe. Adi ist Augenoptiker und passt den Menschen auf den Dörfern ringsum neue Brillen an. Damit liefert er gleichsam die Leitmetapher des Films: Der Optometrist stellt die Vergangenheit scharf, er bringt Licht in die Finsternis des Verdrängens, er kämpft gegen moralische Blindheit.

Der Blick des Schweigens

Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Denn auch die ehemaligen Mitglieder der Todesschwadrone wohnen nicht weit entfernt und brauchen hin und wieder neue Brillen. Dann kommt Adi vorbei und pflanzt den Mördern seines Bruders ein sperriges Probiergestell auf die Nase. Für einen Augenblick sehen sie sehr hilflos damit aus, und nun kehrt sich der Blick um: Die halbblinden Täter sind in Adis Händen und ihrer Macht beraubt. Dieser Moment ist der "Blick des Schweigens", der dem Film den Titel gibt und ihm seine ungeheure Intensität verleiht. Extrem angespannt ist da die Atmosphäre, mehrmals drohte der Abbruch der Dreharbeiten. "Du stellst so tiefe Fragen. Lass das, ich will das nicht", sagt einer der Täter, die Vergangenheit sei vergangen. Wenn man sie nicht endlich in Ruhe lasse, kämen ihre Gespenster zurück. "Willst Du das?"

Adi will etwas anderes. Er will, dass die Mörder seines Bruders eine moralische Regung zeigen und sich zu ihren Verbrechen bekennen. Erst dann könne er ihnen vergeben. Doch lässt sich das Unverzeihliche verzeihen? Darf Adi den Mördern, die juristisch nie belangt und deren Taten totgeschwiegen wurden, stellvertretend für seinen Bruder vergeben?

Die Eltern empfanden nach der Tat einen tiefen, ungestillten Hass. Für sie war eine Versöhnung unvorstellbar, sie wünschen nichts mehr, als dass die Täter eines Tages ihre Taten sühnen müssen. Die Mutter ist leibgewordener Schmerz; dem Vater fielen nach der Ermordung seines Sohnes alle Haare und Zähne aus. Inzwischen ist er 103 Jahre alt, blind und vergesslich, nur noch Haut und Knochen. Am Schluss des Films sieht man ihn, wie er die Orientierung verliert und hilflos wie ein kleines Kind über den Boden kriecht. Er ist in Panik und glaubt, er sei im falschen Haus. Aber Oppenheimer, der Skrupel hatte, diese Szene zu zeigen, will wohl sagen: Er ist im falschen Leben. Alles habe sein Vater vergessen, meint Adi, nur seine Angst, die habe er nicht vergessen.