ZEIT ONLINE: Sergei Loznitsa, Ihre Dokumentation Maidan über den mehrmonatigen Protest im Winter 2013/2014 in Kiew ist gerade im Kino angelaufen. Nun zeigen Sie beim Filmfest in Venedig Sobytie/The Event über die Proteste während des dreitägigen Putschs im August 1991, als eine Gruppe von Altkommunisten den Zerfall der Sowjetunion aufhalten wollte – aus heutiger Sicht eher eine Episode.

Sergei Loznitsa: Ja, was war das damals, 1991? Einerseits wohl eine Art Theaterstück auf der politischen Bühne, geheim vorbereitet von verschiedenen Kräften. Andererseits protestierte gegen diesen inszenierten Putsch eine starke, aufrechte Bewegung des Volks. Niemand glaubte mehr an die kommunistische Idee, stattdessen träumten die Menschen von der kapitalistischen Zukunft. Heute wissen wir: Die Leute, die in jenem August 1991 die Show vorbereiteten, teilten den Besitz unter sich auf. Die Mehrheit hat fast alles verloren.

ZEIT ONLINE: Erstaunlich, dass Sie für Ihren Film ausschließlich vorgefundenes Material von den Demonstrationen in Leningrad neu montiert haben. Dabei fand der unmittelbare politische Machtkampf doch in Moskau statt.

Loznitsa: Leningrad war für mich der richtige Ort. Die Sowjetunion, die in jenen drei Tagen endgültig zerfiel, hatte ja genau dort begonnen, in St. Petersburg mit der Oktoberrevolution 1917. Außerdem wollte ich keine Bilder von den politischen Protagonisten, sondern ich wollte das Volk zeigen, die Menschen in den Straßen und auf dem Platz vor dem Winterpalais. Die kann ich mit mir in Beziehung setzen.

ZEIT ONLINE: Und, mit welchem Ergebnis?

Loznitsa: Heute ist kaum mehr vorstellbar, dass die Leute in Russland so protestieren, zu Hunderttausenden. Schon äußerlich haben sich die Menschen total verändert: ihre Gesichter, die Art, wie sie sich bewegen, sich ausdrücken, sich präsentieren. Mein Film funktioniert fast wie eine archäologische Recherche. Zum Jahrestag des Todes der drei Demonstranten im August 1991 kamen jetzt in Moskau gerade mal 100 Leute, Ex-Politiker, Angehörige der Toten. Diese Nation von damals existiert nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Was ist an ihre Stelle getreten?