Mord verjährt nicht. Auch die deutsche Vergangenheit nicht. Warum es 70 Jahre dauern kann, bis ehemalige SS-Männer wie Oskar Gröning vor Gericht gestellt und verurteilt werden, mag juristische Gründe haben, nachvollziehbar ist es dennoch nur schwer. Dass die deutsche Justiz ab den späten fünfziger Jahren überhaupt – widerwillig – ihrer Pflicht nachkam und halbherzig begann, die Täter zu verfolgen, ist dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu verdanken. Einem Mann, der heute nicht sehr berühmt ist, obwohl ihn jedes Schulkind kennen sollte. Der großartige Spielfilm Der Staat gegen Fritz Bauer macht ihn zu seinem Helden.

Der Film zeigt, wie scheinbar unzerstörbar die Mauer des Schweigens war, die zehn Jahre nach Kriegsende die Täter schützte. Er hilft dabei, zu verstehen, warum noch heute Prozesse gegen Greise geführt werden müssen. Gemeinsam mit Im Labyrinth des Schweigens, dem Film über die Auschwitzprozesse, in dem die Figur des Fritz Bauer eine Nebenrolle spielt und der 2016 als deutscher Beitrag bei den Oscar-Nominierungen antritt, leistet er Aufklärung darüber, wie die Aufklärung über die Verbrechen der Deutschen während der Nazizeit begann.

"Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland" – dieser Ausspruch geht auf Fritz Bauer zurück, und der Regisseur Lars Kraume macht gleich zu Beginn seines Films deutlich, wie ernst Bauer es damit meinte. Die Handlung setzt mit Bauers Beinahe-Tod ein: Der Generalstaatsanwalt (gespielt von Burgart Klaußner) ertrinkt nach zu viel Alkohol und Schlaftabletten fast in der Badewanne. Sogleich wollen die zwei Hyänen, die Bauer in diesem Film beständig umschleichen, den Vorfall ausschlachten: Der BKA-Mann Gebhardt (Jörg Schüttauf) und der Oberstaatsanwalt Kreidler (Sebastian Blomberg) streuen das Gerücht, Bauer sei selbstmordgefährdet. "Ich habe eine Pistole, wenn ich mich umbringen will, gibt es keine Gerüchte", poltert er schwer schwäbelnd die Anwürfe vom Tisch.

Die Episode ist ausgedacht und doch von der Wirklichkeit infiziert. Der wahre Fritz Bauer starb tatsächlich in der Badewanne. Selbstmord, Unfall oder gar Mord – die Umstände sind bis heute ungeklärt. Der unermüdliche Bauer ermittelte gerade gegen die Beamten, die das NS-Euthanasieprogramm umgesetzt hatten. Auf diese Weise stecken sich Wahrheit und Fiktion in diesem Film immer wieder gegenseitig an.

Die eigentliche Handlung von Der Staat gegen Fritz Bauer, wie sie Lars Kraume gemeinsam mit Olivier Guez ersonnen hat, setzt 1958 ein. Der Generalstaatsanwalt bekommt den Hinweis, dass Adolf Eichmann, der die Massendeportationen der Juden organisiert hatte, angeblich in Buenos Aires lebt. Während Bauer sich bemüht, diese Information zu verifizieren, sucht er gleichzeitg nach Möglichkeiten, Eichmann in Deutschland vor Gericht zu stellen. Er fürchtet, dass das mit ehemaligen Nazis durchsetzte Bundeskriminalamt den Verbrecher eher warnen, als bei seiner Festnahme helfen würde. Lediglich der junge Staatsanwalt Angermann (Ronald Zehrfeld) bietet Bauer seine Hilfe an und stellt den Kontakt zu einem zwielichtigen Journalisten her, der herausfinden soll, ob der Mann in Buenos Aires wirklich Eichmann ist. Bauer ist mittlerweile überzeugt davon, dass nur der israelische Geheimdienst Mossad in der Lage ist, Eichmann in Argentinien zu entführen. Ihn einzuschalten, würde allerdings Landesverrat und für Bauer und Angermann eine Haftstrafe bedeuten.

Ein Film gegen das Vergessen

Dieser Angermann gehört zu den fiktionalen Figuren des Films, es hat ihn in Wirklichkeit nicht gegeben. Aber sie dient nicht der dramaturgischen Vereinfachung, sondern ist ein intelligenter Einfall der Filmemacher. Angermann ist schwul. Das gibt ihnen einerseits die Möglichkeit, das Ausmaß der Repressionen im Adenauer-Deutschland herauszuarbeiten, in dem noch der von den Nationalsozialisten verschärfte "Schwulenparagraf" 175 galt, nach dem homosexuelle Handlungen mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden sollten. Endgültig abgeschafft wurde der Paragraf übrigens erst 1994.

Andererseits spiegelt Angermann auch die Hauptfigur Fritz Bauer, der tatsächlich homosexuell war. Wie und ob er seine Neigung in seinen späten Jahren auslebte, ist nicht bekannt und spielt auch keine Rolle. Aber sie macht Bauer, den deutschen Juden und 1936 unter Zwang emigrierten Sozialdemokraten, noch einsamer und gebrochener. Moralische Autorität gewinnt Bauer erst aus diesen Brüchen heraus und Dank seiner bezwingenden Persönlichkeit. Burghart Klaußner spürt dieser faszinierenden Figur bis in ihre Tiefen nach – eine wahrhaft oscarreife Leistung.

Auch der Rest des Ensembles spielt in Bestform: der gegen den Strich besetzte Ronald Zehrfeld, der schneidend scharfe Jörg Schüttauf und der mit herrlicher Fistelstimme chargierende Sebastian Blomberg. Diesen Schauspielern ist zu verdanken, dass Der Staat gegen Fritz Bauer seine dramatische Wucht – wie auch seine komödiantischen Verschnaufpausen – aus den Figuren heraus entwickeln kann. Kraume hat es gar nicht nötig, auf Konventionen des Gefühls- oder Ausstattungskinos zurückzugreifen, ein Problem, unter dem Im Labyrinth des Schweigens durchaus stellenweise leidet.

So wird ein Mann dem Vergessen entrissen, dessen Anliegen Aufklärung war, nicht Rache. Ohne Fritz Bauers Einsatz wäre das moderne Deutschland nicht vorstellbar.