Es ist diese Sorgenfalte, die am Ende in Erinnerung bleiben wird. Bereits in der ersten Einstellung der Serie Occupied legt sie sich zwischen die eisblauen Augen des norwegischen Premierministers Jesper Berg (Henrik Mestad), während er verstört durch eine Schneelandschaft stolpert. Berg kann immer noch nicht glauben, was ihm gerade passiert ist: Er ist von russischen Soldaten entführt und gezwungen worden, seinen politischen Kurs radikal zu ändern. Sein verwirrtes Tappen durch den Schnee wird in den zehn Folgen der norwegischen Serie nach einer Idee von Bestsellerautor Jo Nesbø zu seiner Grundhaltung werden. Berg kann nur langsam fassen, was da um ihn passiert.

Zu Beginn der ersten Staffel hat Bergs radikale Ökopartei die Wahlen in Norwegen gewonnen und daraufhin die Öl- und Gasförderung abgeschaltet. Die Norweger wollen ein klimapolitisches Zeichen setzen. Russland und die EU sind allerdings von Öl und Gas aus Norwegen abhängig. Was die russischen Soldaten Berg deshalb mit der Überzeugungskraft ihrer Maschinengewehre nahelegen, ist ihre "freundliche Unterstützung" bei der erneuten Inbetriebnahme der Produktionsstätten. Norwegen soll wieder auf das gleiche Produktionslevel fossiler Brennstoffe kommen wie vor Bergs Amtsantritt. Berg wird freigelassen und sieht sich in der Pflicht, seine Entführung zu vertuschen, um Stärke zu signalisieren.

Der Enthusiasmus des Premiers, der noch vor Kurzem sein Lebensprojekt verwirklicht sah, ist in wenigen Stunden gebrochen. Dennoch versucht Berg, sich an das letzte Stück Normalität zu klammern. Daran, dass er demokratisch gewählt wurde, zum Beispiel. Dass er ein Staatschef ist. Wie zur Selbstvergewisserung lässt er andere Politiker mutwillig warten. Das deutsche Staatsoberhaupt am Telefon, die russische Botschafterin in seinem Vorzimmer. Ein Blick auf das kalte Oslo, das sich unter der Fensterfront erstreckt. Die Stirnfalte. Die eisblauen Augen. Dann empfängt er sie.

Vollkommen isoliert

Immer wenn er kurz innehält, um auf diese Weise aus dem Fenster zu blicken, spiegeln sich minimale Veränderungen seiner Haltung in diesen Augen. Es ist auch Bergs persönliches Drama, das sich hier entspinnt. "Wir sind ganz allein", sagt er zu seinen Kollegen in der ersten Episode und meint damit gleichzeitig Norwegen und sich selbst. Allein sitzt er da hinter den Fensterfronten des Büros mit dem Traum von einem besseren Klima.

Die Energiewende war sein großes Ziel, der Förderungsstopp von Öl und Gas in Norwegen. Doch unter dem Druck Russlands und der EU muss Berg diesen Traum hinter sich lassen, die Eitelkeit des Politikers überwinden und die Sicherheit seines Landes gewährleisten. Dafür muss er sowohl seine Partei als auch seine Wähler verraten. Berg kann seinem Land nicht einfach wahrheitsgemäß erklären, warum er seine politischen Ziele widerruft. Er muss entscheiden, was im Interesse seiner Nation liegt, und seine Entscheidung fällt gegen Krieg.

Schleichender Freiheitsentzug

Die politische Situation spiegelt sich in den Geschichten der einzelnen Figuren: Die Besatzung schleicht sich vorsichtig ein, zunehmend verlieren sie die Kontrolle über ihr eigenes Land. Da ist die Gastronomin Bente, die ihr bankrottes Restaurant durch die Russen wieder eröffnen kann. Oder ihr Freund Thomas, der Journalist ist und bei der Entführung des Premierministers der einzige Zeuge war: Auch seine Karrierechancen verbessern sich durch seine Berichterstattung über die Vorfälle schlagartig.

Der Bodyguard des Premierministers Hans-Martin Djupvik wird Vertrauter der Russen, nachdem er der russischen Botschafterin das Leben gerettet hat, und steigt zum leitenden Ermittler der Polizei auf. Andere Figuren, die nichts zu verlieren haben, schließen sich terroristischen Organisationen an und verüben Anschläge, die die Situation nur verschärfen. Das Militär streikt, die Jugend protestiert.

Die Schlaufe um die Hälse der Norweger wird immer enger. Die Serie spielt ein interessantes Szenario durch: Wie reagieren Menschen, wenn ihnen schrittweise die Freiheit entzogen wird? Nicht während des Zweiten Weltkriegs, sondern heute und in Europa. Das mangelnde Interesse an einer wirklich nachhaltigen Klimapolitik, die ihre gemeinsam gesteckten Ziele immer wieder auf ein undefinierbares Morgen verschiebt, kritisiert sie dabei nur am Rande. 

Eine Stärke der Serie ist ihre Plausibilität: Europa ist auch in Wirklichkeit von der Öl- und Gasproduktion in Norwegen abhängig. Das Land ist der zweitgrößte Gas- und fünftgrößte Erdöllieferant der EU. Das wird auch noch eine Weile so bleiben. Aktuell wird die Förderung von Öl in Norwegen erhöht.

"Occupied – Die Besatzung" läuft ab Donnerstag, den 19. November, auf Arte.